Erstgeborene – wie werde ich ihnen gerecht?

Aus gegebenem Anlass befasse ich mich im Moment mit dem Thema: Erstgeborene.

So viele Fragen stellen sich mir:

Wie werde ich meiner erstgeborenen Tochter gerecht?Was braucht sie, um ihr inneres Gleichgewicht wieder zu finden?
Wie soll ich reagieren, wenn sie dem Baby weh tut?
Wie kann ich sie unterstützen, ihren Platz als Erstgeborene anzunehmen, was auch heißt, dass man zu einem Zeitpunkt plötzlich seine Eltern mit einem Geschwisterchen teilen muss?
Wie kann ich sie unterstützen, um mit ihrer Wut und Trauer umzugehen?
Wie soll ich mit ihrem Weinen und Schreien umgehen, dass so noch nie zuvor dagewesen war?

Ich versuche, mich in ihre Lage zu versetzen (was ich aber als das Mittlere Kind niemals wirklich kann). Ich stelle mir vor, was sich für sie alles verändert hat und wie sie die Situation gerade sehen muss.

Veränderungen für das Erstgeborene (In der Ich-Form; keine vollständige Liste):

  • Mama hat viel weniger Zeit
  • Mama kuschelt und spielt plötzlich noch mit einem anderen Baby – nicht nur mit mir
  • Mama ist manchmal müde und deshalb nicht mehr so geduldig wie früher
  • Mama und Papa schenken mir weniger Aufmerksamkeit
  • Ich soll manchmal Rücksicht auf das Baby nehmen
  • Ich und Mama können nicht mehr alles machen, was vor der Geburt kein Problem war
  • Das Schreien vom Baby unterbricht ganz schnell unsere gemeinsamen Spiele bzw. unsere Vorlesezeit
  • Beim Stillen sind sich Baby und Mama so nahe.
  • Ich bin jetzt „die Große“ und will es vielleicht gar nicht sein.

Wie meine Tochter die Situation vielleicht gerade sieht:

“ Jetzt muss Mama das Baby schon wieder stillen. Sie verbringt so viel Zeit mit ihm aber nicht mit mir. Früher haben wir so viele schöne Dinge gemacht. Heute muss ich oft lange warten, bis wir etwas Gemeinsames machen. Wir machen schon noch gemeinsame Sachen, aber oft nicht wann ich möchte, sondern erst später, wenn die Mama Zeit für mich hat, weil vorher noch das Baby gestillt, gewickelt oder getröstet werden muss“

Um meiner Erstgeborenen gerecht zu werden, muss ich erst mal ihren Schmerz verstehen, bzw. versuchen, mich einzufühlen, wie es ist, plötzlich kein Einzelkind mehr zu sein:

Der nicht zu benennende Schmerz, den Erstgeborene fühlen, wenn ein Baby kommt und daraus resultierende Verhaltensänderungen möchte ich jetzt in Zitaten aus dem Buch:“ Erstgeborene von Jirina Prekop“ darlegen (sind natürlich nur Auszüge aus dem Erleben eines Kindes – nicht jedes Kind muss es so erleben):

„Viele Erstgeborene versuchen eine Ersatzsicherheit herzustellen, indem sie sich als die Großen geben. In der Regel freuen sich die Eltern über seine Tüchtigkeit, ohne sich über die schmerzhafte Dynamik seiner Verhaltensänderung Gedanken zu machen“

„Kaum eine andere kindliche Erfahrung ist so einschneidend wie die des Einzelkindes, wenn es ein Geschwisterchen bekommt. Es ist für das Kind die erste große Lebensprüfung, die es  durchzustehen hat. Mit dem Geschwister wird alles anders. Das Vertraute schwindet. Bis dahin konnte sich das Erstgeborene als Teil der Erwachsenenwelt fühlen. Seinem Empfinden nach war diese Welt wegen ihm und für ihn da. Nun gehört ihm diese Welt nicht mehr voll. Sie wendet sich einem anderen Stern zu. Das Kind fühlt sich ausgeschlossen…“

„…spürt man, dass sein Schmerz tief sitzt und bis zu den Wurzeln geht. Von daher lässt sich das Trauma des Kindes eher mit einer Entwurzelung vergleichen. Der Planet, auf dem man bisher sicher stand und mit dem man sich sicher durch das Universum drehte, wackelt nun unter den Füßen und man verliert seinen festen Stand.“

„Ähnliche außergewöhnliche Gegebenheiten konnte das Kind ohne weiteres verkraften, solange es bei der Mama war. Auf ihrem Schoß. Nun aber ist dieser Schoß nicht mehr frei. Hier schreit und trinkt das neue Wesen…seine Zweifel, seine Ängste und seinen Schmerz kann es kaum ausdrücken“

„Je verzweifelter das Kind versucht, die Mama auf sich aufmerksam zu machen, umso weniger fühlt es sich angenommen. Und je weniger angenommen es sich fühlt, umso mehr steigt der Pegel seiner Angst und umso verzweifelter werden die Versuche, die Mama zu erreichen“

„…wird seit Generationen die Mutter in den meisten Familien zur wichtigsten, beinahe ausschließlichen Bezugsperson. Umso größer ist der Schmerz, wenn sie dem Kind fehlt“

„Von ihr verlangt die Mama, dass sie ihre Wünsche mit Worten ausdrückte, während sie schon beim ersten Schreien zu dem Baby rannte und es zärtlich beschwichtigte.“

Geschwister haben hat aber auch positive Seiten:

Natürlich hat es auch schön Seiten, ein Geschwisterchen zu haben. Meine Tochter kuschelt gerne mit dem Baby, lacht mit ihm und bringt Spielsachen. Irgendwann können sie gemeinsam Spielen, Geheimnisse haben und sich gegen ihre Eltern verbünden :-). Aber bis dahin muss meine Tochter erst noch ihre Rolle als Erstgeborene annehmen und sich in ihr wohl fühlen.

Ausblick auf Teil 2:

Welche Unterstützung man seinem Erstgeborenen geben kann, auf das will ich im 2. Teil eingehen. Und auch inwieweit dies meiner Tochter geholfen hat.

Ich würde mich freuen, von Euch zu lesen, wie ihr Euer Erstgeborenes unterstützt habt, wie Ihr ihnen gerecht geworden seid. Wie Ihr mit Wut und Trauer umgegangen seid. Wie Ihr auf Schlagen reagiert habt. Ich werde dann auch auf diese Tipps in meinem 2. Teil eingehen.

 

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