Hilfen für Erstgeborene und wie alltagstauglich sie sind

Hier kommt nun der zweite Teil zum Thema: Erstgeborene. Den ersten Teil habe ich schon vor drei Monaten geschrieben und findet ihr hier. In der Zwischenzeit habe ich verschiedenste Strategien ausprobiert und geschaut, welche meiner Tochter am meisten helfen. Die ersten Tipps stammen aus einem Buch, dass ich vor ein paar Monaten für den ersten Artikel gelesen habe, die weiter unten stehenden Tipps sind von mir und von Bekannten.

Hilfen, die im Buch: Erstgeborene von Jirina Prekop benannt werden:

„Der Achterbahn seiner Gefühle ausgeliefert, bräuchte das Kind im Grunde wirklich nur die Bestätigung, dass ihm die Mama noch immer gehört. Praktisch heißt das: Auf diesem Schoß, in diesem Arm habe ich meinen Platz nicht verloren. Hier lande ich immer wieder, besonders dann, wenn ich mich unwohl fühle und von der Mama Trost erwarte“

Dieses Zitat kann ich nur bestätigen. Trotz bester Vorbereitung meiner Tochter in der Schwangerschaft, waren wir wohl beide äußerst von der Intensität und Achterbahn ihrer Gefühle überrascht. Auf meinem Schoß beruhigt sie sich – wenn es auch manchmal eine gefühlte Ewigkeit gedauert hat. Schwierig war es in den ersten Lebensmonaten des Brüderchens trotzdem, da sie Schoß sitzen genau dann gebraucht hätte, wenn ich stillte :-(. Wir haben dann die Vereinbarung getroffen, dass sie nach jedem Stillen eine Kuschelzeit auf meinem Schoß bekommt (da war dann zumindest Baby ruhig und zufrieden).  Emotional anstrengend und eine Herausforderung war es dann, wenn ein Tag von einem Gefühlsausbruch zum nächsten ging und ich meine innere Ruhe verlor und mir das alles an die Substanz ging.

„Nur die wenigsten Mütter trauen sich jedoch, das Kind in seinem Schmerz festzuhalten, weil es so verzweifelt ist und seinen Schmerz nicht anders ausdrücken kann, als sich aufzubäumen. Das Kind kann sich erst dann wieder ankuscheln, wenn es die Mutter auf ihre vorbehaltlose Liebe getestet hat. Liebst du mich, wenn ich genauso wie das kleine Baby schreie?“

Unsere Tochter hat sich auf meinem Schoß schon des öfteren ihren Frust rausgeweint und dann fest mit mir gekuschelt. Wenn sie manchmal gar nicht mehr mit ihren Gefühlen umgehen konnte, habe ich sie zu mir geholt und sie umarmt und nicht viel gesagt.

„Wird das erstgeborene Kind einbezogen, so dass es sich auf sein Geschwister freut, ja wird es sogar rechtzeitig auf anstehende Unannehmlichkeiten aufmerksam gemacht, entwicklen sich diese selten zu einem Drama, wenn sie wirklich auftreten“

Da kann ich leider nicht zustimmen. Ich habe unsere Tochter sehr gut vorbereitet, mit Büchern, Gesprächen, Einbeziehen…und trotzdem entstand ein Drama 🙁

„Allerdings hängt es von den Eltern ab, ob und wie sie ihr Erstgeborenes motivieren und wie sie es bei unerwarteten Frustrationen stützen. Im äußersten Falle heißt es, ihm zu vermitteln, dass seine Geborgenheit nicht in der Rolle des Großen liegt, sondern in der Sicherheit, dass seine Eltern es vorbehaltlos lieben.“

Das finde ich auch wichtig. Ich möchte nicht, dass unsere Tochter nur Aufmerksamkeit bekommt, wenn sie die vernünftige große Schwester ist. Ich sage ihr des öfteren, dass ich sie immer lieb habe, auch wenn sie wütend ist oder ich mal mit ihr schimpfe.

„Stellen Sie die Weichen für eine gleich starke Bindung zu jedem der beiden Elternteile! Sicherlich ist es für das erstgeborene Kind vorteilhaft, wenn es vom Papa aufgefangen wird und sich bei ihm die Zuneigung holt, die es bei seiner Mama vermisst, wenn sie vom zweitgeborenenen Baby besetzt wird. So bald als möglich sollte jedoch die Bindung an die Mutter erneuert werden.“

Theoretisch sehr gut, praktisch auch – nur manchmal geht das ganze Auffangen nicht, wenn die Große in einem Moment nur von der Mama getröstet werden will.

„Es soll sich unter allen Umständen geliebt fühlen,nicht nur wenn es als das Größere vernünftig, einsichtig und leistungsbereit ist, sondern auch dann, wenn es schreit und weint wie ein kleines Kind…Nehmen Sie Ihr kind in den Arm nicht nur des liebevollen Kuschelns wegen, sondern auch dann, wenn das Kind auf Sie wütend ist und diesen Ärger nicht sprachlich zu äußern vermag. Das gilt auch umgekehrt, nämlich dann, wenn die Mutter sich vom Kind verärgert fühlt und es sprachlich nicht erreichen kann… Lassen Sie es diese Erfahrung auch immer dann erleben, wenn Sie es als Störenfried am liebsten wegschicken würden. Zerrt das Erstgeborene an Ihnen ausgerechnet, wenn Sie das Baby stillen oder wenn es in Ihrem Arm bereits eingeschlafen ist, deuten Sie das nicht als tyrannisches Verhalten, sondern als Angst, weniger geliebt zu sein. Falls Sie das Kind wegschicken, bestätigen Sie seine Angst. Deshalb meine immer wieder bewährte Empfehlung: Nehmen Sie das Erstgeborene in den Arm und lassen Sie es ausgiebig spüren, dass zunächst eben es selbst an die Reihe kommt. …Geben Sie ihm die Chance, eine wichtige Stelle als Helfer einzunehmen: Wenn ich dich nicht hätte! Schau mal wie sich die Kleine freut, wenn du sie streichelst, wenn du ihr die Rassel gibst.“

Beruhigen in den Armen von Mama geht meistens gut. Der Tipp wenn ich ärgerlich bin das Gleiche zu tun ist gut, aber oft dachte ich erst viel zu spät dran, nämlich dann wenn ich sie weggeschickt hatte, weil es gerade nicht passt. Dass ich sie mithelfen lasse bei der Versorgung vom Baby war für mich auch sehr wichtig und hat ihr gefallen.

„Wenn das Erstgebortene sich unter seinen eigenen übermäßigen Leistungsdruck und Erfolgszwang stellt, sich einbildet, immer der Beste, Größte, Fehlerlose sein zu müssen, und nervös, depressiv oder aggressiv auf seine Misserfolge reagiert, halten Sie es fest im Arm, um ihm  zu sagen und es spüren zu lassen, dass Sie es vorbehaltlos lieben: Du bist und bleibst mein einziges erstgeborenes, mein ältestes Kind, auch wenn du jetzt in meinem Arm wie ein kleines Baby schreist“

Damit habe ich keine Erfahrungen gemacht, weil sie keinen übermäßigen Leistungsdruck entwickelt hat. Was bei unserer Tochter aber einen starken und bleibenden Eindruck gemacht hat war der Satz: „Du bist und wirst immer mein erstes Kind sein. Dein Bruder ist das zweite Kind, weil erst du zu uns auf die Welt kamst und dann dein Bruder!“ Dieser Satz schien ihr sehr wichtig zu sein, weil sie ihn auch manchmal zu mir sagte.

„Zeigt das Kind Zeichen der Regression…Tadeln Sie das Kind nicht. Drängen Sie es nicht zur Selbständigkeit. Gehen Sie auf Ihr Kind ein…Je mehr Sie diese Nachholbedürfnisse sättigen, desto schneller geht die Regression vorüber.“

Ah ja, Regression. Wir hatten laaaange Zeit einen Fall von (für mich nervige) Babysprache – was sich aber wirklich wieder von alleine gelegt hat. Wenn es mir zu viel wurde, meinte ich zu ihr: „Ich verstehe dich gerade nicht, kannst du es mir nochmal sagen?“ Worauf sie dann manchmal wieder „normal“ geantwortet hat.

Hilfen für Erstgeborene, die ich sonst noch versucht habe:

Das Buch: Mama hat mich nicht mehr lieb hat meine Tochter immer wieder anschauen wollen. Es geht darum, dass ein Mädchen Bauchschmerzen vorspielt, damit es wieder Aufmerksamkeit bekommt von den frischgebackenen Zweit-Eltern. Voller Sorge holen diese die Kinderärztin, die das Spiel durchschaut und das Mädchen frägt, warum sie es vorspielt. Das Mädchen meinte, dass seine Mama es nicht mehr lieb habe, seit das Baby da ist. Es kommt zu dicken Umarmungen und „Wir haben dich immer noch soooo lieb“ Szene, die mir beim ersten Lesen die Tränen in die Augen getrieben haben (o.k. Mutterhormone 🙂 ). Nach dem Lesen des Bilderbuches konnten wir dann auch darüber reden, dass ich sie noch sehr lieb habe, auch wenn ich gerade wenig Zeit für sie habe…
Man sagte mir, dass es gut ist der Großen beim Stillen Bücher vorzulesen, um der Eifersucht vorzubeugen. Das war zu Beginn gut machbar (wenn auch nicht gerade immer erwünscht), aber mit der Zeit lenkte dies unser Baby ab und das Stillen dauerte viel länger.

Immer erst das Erstgeborene begrüßen (auch der Besuch): das ist sicherlich ein sehr guter Tipp, wenn auch nicht immer leicht umzusetzen, wenn so ein niedliches Baby einen anstrahlt. Aber es gibt nun mal diese natürliche Reihenfolge: Erstgeborene, Zweitgeborene.

Wenn unsere Große den Kleinen mit Absicht geärgert und ihn damit zum Weinen gebracht hat, nehme ich ihn hoch, tröste ihn. Danach rede ich mit ihr, ob es ihre Absicht war, dass ich ihren Bruder tröste. (Sie schüttelt den Kopf) Ich frage sie, ob sie meine Aufmerksamkeit wollte (sie nickt) und ich erkläre ihr den Zusammenhang nochmal: dass ich mich mit ihm beschäftige, wenn er zum Weinen gebracht wird und wenn sie meine Aufmerksamkeit möchte, solle sie mir sagen: „Mama, ich will mit dir Kuscheln“. Das hat sie sich zu Herzen genommen. Einige Male fragte sie mich danach – andere Male hat sie ihren Frust auch wieder am Bruder ausgelassen, aber immerhin schon ein großer Fortschritt.
Und letztendlich ist auch die Zeit, die vergeht, eine Hilfe. Denn mit der Zeit lebt man sich zusammen, lernt sich gut kennen und lieben und es ist herzerwärmend zu sehen, wie unsere beiden jetzt schon in ihrer Art kommunizieren und gemeinsam lachen. Auch ich habe wieder mehr Zeit für die Große, weil das Stillen weniger wurde und die Abstände zwischen den Breimahlzeiten viel größer sind als die Stillabstände waren.

 

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