25. September 2015

Geschwisterstreit – Die wichtigsten Infos auf einen Blick

Meine Kinder spielen zusammen. Sie sitzen auf der Bettdecke der Tochter und spielen Floß. Sie schauen sich an. Die Große sagt etwas, der Kleine nickt dazu. Sie sind sich einig. Das Rollbrett muss her. Es soll das Floß ziehen. Wenn ich die beiden so beobachte, wird mir ganz warm ums Herz.

„Ist es nicht schön, mehr als ein Kind zu haben? (schießt es mir durch den Kopf) Die Geschwister lieben sich und bereichern das Leben des anderen. Sie lernen voneinander und unterhalten sich auch noch gegenseitig.

Urplötzlich werde ich aus meiner Reverie gerissen:

„Nein, geh weg, ich will auf dem Rollbrett sitzen!!!“ kreischt die Große und schubst ihren Bruder vom Rollbrett, der prompt anfängt entsetzt zu schluchzen.

Aus, zerplatzt wie Seifenblasen, ist mein Traum von einer harmonischen Geschwisterbeziehung. Die Realität hat mich eingeholt, die im Moment folgendermaßen aussieht:

In den Sommerferien, während die Große nicht im Kindergarten war, hat sich die Geschwisterbeziehung einerseits intensiviert – sie spielten richtig schön zusammen – andererseits hat sich das Konfliktpotential über den Sommer plötzlich verzehnfacht. Nein, was sag ich denn, gefühlt verhundertfach. Der Geschwisterstreit lauert immer schon um die nächste Ecke…

Erst die Email meiner Leserin C. mit Geschwisterstreit-Thematik brachte mich auf die Idee, eine Artikelserie zum Thema „Geschwisterstreit“ ins Leben zu rufen. (Danke für diese Email!)

Heute werde ich darauf eingehen, warum Geschwister streiten, was sie beim Streiten lernen, ob man als Erwachsener eingreifen soll und ob Kinder sich nach dem Streit entschuldigen sollen.

Im weiteren Verlauf dieser Artikel-Serie werde ich „Live-Tests“ zu Methoden/Tipps/Ratschlägen, die bei Geschwisterstreit helfen sollen, machen. Ich berichte dir danach von meiner Erfahrung im Alltag mit meinen Kindern. Dabei stelle ich dir immer kurz eine Methode vor und gebe dir Einblicke, ob und was sich bei meinen Kindern (gerade 5 und 2 Jahre alt geworden) verändert hat. Zum Abschluss dieser längeren Serie möchte ich dann noch auf Verhaltensweisen eingehen, die Geschwisterstreit verringern können.

Welche Gründe verstecken sich hinter dem Geschwisterstreit?

Auslöser eines Geschwisterstreits gibt es unendlich viele, wie alle Eltern von 2 oder mehr Kindern bestimmt bestätigen können. Hier nur ein ganz kurzer Auszug:

  • ein schon lange nicht mehr beachtetes Spielzeug, das plötzlich hochinteressant wurde, weil das Geschwisterkind damit spielt
  • ein Kind nimmt dem anderen Kind etwas weg
  • ein Kind macht dem anderen etwas kaputt
  • beide wollen immer mit dem gleichen Spielzeug spielen
  • das kleinere Geschwisterkind macht nicht was das Größere sagt

Die tieferliegenden Gründe für die Streitigkeiten lassen sich jedoch schnell zusammenfassen:

Dein Kind will die Aufmerksamkeit der Eltern bekommen bzw. Austesten auf wessen Seite Mama oder Papa steht



Nachdem Geschwister ihre Eltern immer miteinander teilen müssen, hat dein Kind manchmal den Wunsch nach uneingeschränkter Aufmerksamkeit – welche dein Kind sich zur Not auch über die Schiene eines Geschwisterstreits holt.

Um sicherzustellen, dass ihm deine ungeteilte Aufmerksamkeit gehört, lässt sich dein Kind verschiedenste Methoden einfallen. Z.B. wird das Geschwisterkind heimlich geärgert, bis dieses sich wehrt und dann läuft dein Kind weinend zu dir und lässt sich trösten.

Das folgende Zitat fasst dies zusammen:

Brüder und Schwestern entwickeln in ihrer Familie ein untrügliches Gespür dafür, mit welcher Strategie sie die größte Aufmerksamkeit der Eltern auf sich ziehen können. Kinder erwarten, dass der herbeieilende Elternteil Schiedsrichter spielt. Sie streiten um die Aufmerksamkeit und Gunst der Eltern, um Privilegien und Besitz, weil sie glauben, dass all das weniger wird, wenn man es teilen muss.[i]

Dein Kind ist eifersüchtig auf das Geschwisterkind/ es hat das Gefühl, benachteiligt zu sein



Geschwisterkinder haben unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche. Es gibt in der Familie viele Situationen, in denen Kinder ihre Bedürfnisse zurückstecken sollen/müssen und andere „bevorzugt“ werden. Z.B. wenn du dein Baby stillst und dein älteres Kind warten muss, bis es mit dir ein Puzzle machen kann.

In einer weiteren Situation ist es dann wieder andersherum (z.B. wenn der Säugling meckert, während du das Bilderbuch mit deinem Kleinkind fertig liest). Das sich das Zurückstecken müssen abwechselt, nimmt dein Kind nicht so bewusst wahr. Es merkt nur schmerzlich, wenn seine Bedürfnisse/Wünsche hintenangestellt werden und fühlt sich dabei benachteiligt. Was dann passiert, fasst dieses Zitat sehr gut zusammen:

Kindern ist es oft nicht möglich, in Worten das Gefühl, benachteiligt zu werden, auszudrücken. Je kleiner die Kinder sind, desto mehr werden sie, wenn sie sich benachteiligt fühlen oder tatsächlich benachteiligt werden, mit anderen zanken, die ihnen ihrer Meinung nach vorgezogen werden. Da hilft oft eben nur noch, wegzuschieben, sich vorzudrängen, den anderen schlecht zu machen, ihm das Spielzeug aus der Hand zu reißen, seine Bauwerke zu zerstören.[ii]

Geschwisterrivalität



Dazu sagt der US-amerikanische Psychologe Richard A. Gardener. „Jedes Kind, das nicht wenigstens bis zu einem gewissen Grad eine Geschwisterrivalität zeigt, ist ein behindertes Kind, das beim Kampf um den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit von den Menschen in seiner Umgebung besiegt worden ist.“
Die Geschwisterrivalität gehört also zu jeder Geschwisterbeziehung. Nur das Ausmaß dieser Rivalität kann beeinflusst werden, indem du die Rivalität nicht extra schürst mit Sätzen wie „schau, dein Bruder kann das schon“ oder „Du als Große/r musst doch auch mal zurückstecken können“.

Dein Kind ist gelangweilt, frustriert oder erschöpft



Langeweile, Frust und Erschöpfung können zu Streitigkeiten führen:
Streit ist eine wichtige Spielwiese in der sozialen Entwicklung. Gerade unter Geschwistern geht das besonders gut, denn hier kann man sich ausprobieren ohne nachhaltige Ablehnung befürchten zu müssen. Zugegeben: Ein klitzekleines bisschen Spaß macht sie auch, die Reiberei. Man kann seinen Frust loswerden, die große Schwester auf die Palme bringen oder den jüngeren Bruder zur Verzweiflung. Streit ist Faszination, Macht und Selbstüberprüfung in einem - und damit ein ziemlich spannendes Spielzeug für Kinder. [iii]

​Weißt du, dass der Geschwisterstreit wichtig für die Entwicklung deines Kindes ist?

Im Streit mit Bruder oder Schwester lernt dein Kind sich selbst und das Geschwisterkind besser kennen:

  • Dein Kind lernt seine Bedürfnisse und Wünsche besser kennen und findet heraus, wie man diese am besten mitteilt bzw. durchsetzt
  • Dein Kind übt sich im Grenzen setzen
  • Dein Kind lernt, dass sein Bruder bzw. seine Schwester andere Bedürfnisse haben kann oder es andere Grenzen zu respektieren gibt
  • Dein Kind erfährt, wie es sich anfühlt, Sieger oder Verlierer zu sein
  • Dein Kind kann sich im Streit neu erleben: lauter, mutiger oder leiser, ängstlicher als sonst zu sein

Im Streit übt dein Kind seine Sozialkompetenzen ein:

  • Dein Kind übt (evtl. mit deinem Beistand) Kompromisse oder Lösungswege für ein Problem zu finden
  • Dein Kind lernt, für sich einzustehen und Bedürfnisse/Gefühle verbal auszudrücken
  • Dein Kind übt sich darin, die gesteckten Grenzen des Geschwisterkindes zu respektieren (auch wenn es nicht immer gelingt)
  • Dein Kind übt, sich in andere hineinzuversetzen (evtl. mit deiner Hilfe)
  • Dein Kind übt das Verzeihen und Versöhnen (das könnnen sie eh besser als wir Erwachsenen!)

Auf lange Sicht lernt dein Kind:

  • seine Bedürfnisse/Wünsche/Meinungen zu vertreten, ohne den Gegenüber zu verletzen
  • es zu ertragen, dass der Gegenüber einfach anders denkt und fühlt wie es selbst
  • dass Sieg und Niederlage nicht so erstrebenswert ist wie eine gemeinsam gefundene Lösung, mit der alle Beteiligten glücklich sind

Was ist besser beim Geschwisterstreit - eingreifen oder nicht?

Du hast es bestimmt schon einmal gehört oder gelesen, dass Geschwister ihren Streit alleine austragen sollen. Bis zu einem gewissen Streitlevel stimme ich dem zu.

Solange die Kinder beim Streiten nur lauter werden, ihre Grenzen abstecken und verteidigen und keine Handgreiflichkeiten oder Beschimpfungen folgen, können Kinder meines Erachtens einen Streit alleine bewältigen (ich beobachte den Streit weiterhin!)

Wenn ich jedoch sehe, dass eines oder beide Kinder immer wütender wird, es Handgreiflichkeiten gibt, ein Kind beschimpft wird oder eines weint, dann mische ich mich ein.

Wenn ich sehe, dass ein Kind dem anderen ausgeliefert ist, weil es schwächer bzw. langsamer ist oder noch nicht so viel weiß und deswegen verzweifelt ist, dann greife ich ein.

Wenn ein Kind auf mich mit einer Klage zukommt, dann greife ich ein.

Wenn ein Kind das andere gegen seinen Willen kontrolliert, dann greife ich ein.

Ich mische mich deshalb ein, weil ich keinen Sinn darin sehe, die Kinder weiterhin allein streiten zu lassen. Denn wenn ein Streit eskaliert ist, dann sind die Kinder einem hohen Stresspegel ausgesetzt, und dieser verhindert das Einüben von Sozialkompetenz. Es blockiert die Kinder vielmehr und hält sie in ihrer Wut gefangen. In dieser Atmosphäre werden sie keine Lösungsstrategien für ihren Streit entwickeln können.

Eingreifen in den Geschwisterstreit kann drei Formen annehmen:

  • Schiedsrichter spielen und den Kindern eine Lösung vorsetzen
  • Mit den Kindern eine Lösung erarbeiten
  • Den Kindern die Aufgabe übergeben, eine gemeinsame, von beiden Seiten akzeptierte Lösung zu finden

Schiedsrichter spielen hat seine Nachteile:

Eltern lassen sich bei Streitigkeiten zwischen Geschwistern schnell in die Rolle des Richters drängen – ich auch :-). Sie entscheiden bei Streitigkeiten, wer im Recht ist und wer nicht. Sie überlegen sich eine Lösung. So jedoch nimmst du deinen Kindern die Möglichkeit, selbst Verantwortung für ihren Streit zu übernehmen und ihre Konflikte selbständig zu bewältigen (ggf. zusammen mit dir als Begleitperson).

Ein weiterer Nachteil des Richter-Daseins ist: Eines deiner Kinder wird sich immer ungerecht behandelt fühlen , wenn es deinen Richterspruch hört. Daraus entsteht ein neuer Konflikt – die Atmosphäre ist getrübt.

Darüber hinaus wirst du auf lange Zeit Richter bleiben müssen, weil deine Kinder lernen, dass du ihre Streitigkeiten für sie löst (und sie – die Kinder – auch noch viel Aufmerksamkeit dabei bekommen)

Desweiteren gibt es Folgendes zu beachten:​

In der Hitze des Gefechts unterlaufen dem Schiedsrichter aber leicht Fehler: Es ist nämlich nicht immer derselbe Streit, sondern jedes Mal ein neuer. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Opferlämmchen häufig als der wahre Streithammel. Und nicht nur das. Wenn wir vergangene Situationen blind auf die aktuelle übertragen, legen wir die Kinder auf ihr Streitverhalten fest und nehmen ihnen damit die Möglichkeit, sich verschieden zu erfahren und eben auch verschieden zu verhalten. Der Mangel an Alternativen erzeugt Aggressionen, und schnell sieht ein Kind keine andere Möglichkeit mehr als zuzuschlage (Quelle)

Mit Kindern eine Lösung erarbeiten hat Vorteile:

Das ist eine Methode mit der ich schon sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Ich werde diese auch im Praxis-Teil dieser Geschwisterstreit-Artikelserie vorstellen.

Deinen Kindern die Aufgabe übergeben, selbst einen Lösungsweg zu finden:

Du sagst deinen Kindern, dass du dir sicher bist, dass sie gemeinsam eine Lösung finden können, mit der beide einverstanden sind. Danach verlässt du das Zimmer - hörst aber mit einem Ohr mit, falls eine Eskalation drohen sollte. Diese Methode ist eher etwas für ältere Geschwisterkinder und ist nicht zu empfehlen, wenn der Streit schon eskaliert ist.

Warum du dein Kind nicht dazu zwingen solltest, sich nach einem Streit zu entschuldigen:

Wenn du dein Kind „zwingst“, sich zu entschuldigen, obwohl es das nicht will (und auch nicht fühlt, das es ihm leid tut), dann forderst du es eigentlich auf zu Lügen – nur um aus dieser misslichen Situation wieder herauszukommen.

Anstatt dessen kannst du sachlich sagen: „Ich denke, dass es jetzt angebracht ist, dass du dich bei deinem Bruder entschuldigst, weil du ihn geschubst hast.“ Danach aber lässt du dein Kind alleine und übergibst ihm die Verantwortung, was es nun tut. Ob mit oder ohne Entschuldigung, dein Kind weiß, dass sein Verhalten nicht in Ordnung war. Dein Kind lernt vielleicht schneller, welche Verhaltensweisen nicht ok sind, als wenn es denkt, sein Verhalten ist ok, solange es nur „Entschuldigung“ danach sagt.

Ausblick auf die weiteren Teile der Geschwisterstreit-Serie:

Im weiteren Verlauf dieser Artikel-Serie werde ich „Live-Tests“ zu Methoden/Tipps und Ratschlägen, die bei Geschwisterstreit helfen sollen, machen. Ich berichte dir danach von meiner Erfahrung im Alltag mit meinen Kindern. Dabei stelle ich dir immer kurz eine Methode vor und gebe dir Einblicke, ob und was sich bei meinen Kindern (gerade 5 und 2 Jahre alt geworden) verändert hat. Zum Abschluss dieser längeren Serie möchte ich dann noch auf Verhaltensweisen eingehen, die Geschwisterstreit verringern können.



[i] http://www.familie.de/kind/wenn-geschwister-streit-haben-537899.html

[ii] http://www.kindergartenpaedagogik.de/1290.html

[iii] http://www.elternratgeber.de/magazin/magazin_entwicklung_erziehung.xtp?id=388

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