26. Oktober 2015

Geschwisterstreit: Was tun wenn der Streit eskaliert – der Praxistest

Gerade eben haben deine Kinder noch vergnügt zusammen gespielt. Doch jetzt schubst die große Schwester den kleinen Bruder kräftig weg und der lässt sich das natürlich nicht gefallen und kneift fest zurück.

Das Geschrei ist auf beiden Seiten groß. Du kommst herbeigeeilt und willst den Geschwisterstreit schlichten.

Nur wie? Willst du auch beiden gerecht werden, keinen zu Unrecht beschuldigen und konstruktiv mit Konflikten umgehen - so wie ich? Soweit zumindest die Theorie.

Die Praxis schaut oft anders aus bei mir – ich trenne die beiden Streithähne und in dem Chaos mutiere ich zum Richter, der das Opfer und den Schuldigen sucht und findet und dann eine Lösung vorgibt.

Diese Methode habe ich auf familie.de gefunden. Und sie besagt Folgendes:

„Eskaliert der Streit, muss man sich an eigene Streit-Regeln halten, körperlich dazwischen stellen und dem älteren Kind sagen: ,Du hast jetzt gar keine andere Möglichkeiten gesehen als zu schlagen. Der Kleine hat dich jetzt richtig genervt.' Dann wendet man sich dem Jüngeren zu: ,Das hat dir wehgetan, und du wolltest das Spielzeug auch gern behalten.' Den Älteren fragen, was hätte er gebraucht, um anders reagieren zu können als zu schlagen? Wichtig ist, keine Lösungen anzubieten, sondern nur Ideen zu sammeln“, meint die Berliner Kommunikationstrainerin Heidemarie Götting.

Ablauf der Geschwisterstreit - Methode:

Ich habe die Abfolge der Aussagen verändert, weil ich mich zuerst dem Kind zuwenden wollte, dem wehgetan wurde (wenn sich nicht beide gegenseitig weh tun…):

Zuerst: Körperlich dazwischen gehen und „Stop“ sagen
Dann: „Das hat dir weh getan“ und wiedergeben, was ich gesehen habe bzw. was ich vermute: „Du wolltest das Spielzeug haben, deshalb hast du es deiner Schwester weggenommen“
Danach zum Schlagenden: „Du hast jetzt keine andere Möglichkeit gesehen, als zu schlagen, weil du so wütend warst. Was hättest du gebraucht, damit du nicht schlägst?“

Der Praxistest

Mit meiner neuen Methode gerüstet, stürzte ich mich in die nächste eskalierte Streitsituation, auf die ich nicht lange warten musste, weil es davon gerade Unmengen zu geben scheint.

Mir war gar nicht bewusst, dass ich bei Streiteskalation so schnell in die Richterrolle verfiel, weil ich es bei sich langsam entwickelten Streitigkeiten meist gut schaffe, eine Vermittlerrolle einzunehmen, bei der die Kinder gemeinsam nach einer Lösung suchen.

Es fiel mir also sehr schwer, mich im streitenden Chaos an diese Methode zu erinnern und mich zurückzunehmen - Verständnis und Anteilnahme zu zeigen, anstatt für Ruhe und Lösungen zu sorgen.

„Das hat dir weh getan“ ist ein wichtiger Satz für meine Kinder. Sie nicken und werden ruhiger. Ihr Schmerz wurde gesehen, ihr Weinen erhört.

„Was hättest du gebraucht, damit du nicht schlägst?“ Mit diesem Satz konnte meine knapp 5jährige Tochter überhaupt nichts anfangen. Sie wusste nicht, was ich meinte. Ich änderte es dann um in „Was hättest du anders machen können?“ Es kamen ab und zu Antworten dazu, aber meist kam etwas in dieser Richtung: „Wenn er mir das nicht weggenommen hätte, hätte ich nicht geschlagen“

„Du hast keine andere Möglichkeit gesehen, als zu schlagen“ half mir, mich daran zu erinnern, dass das Schlagen nicht geplant war, sondern in Wirklichkeit aus Hilflosigkeit entstand – ein nicht-wissen wie man mit dieser Situation fertig werden soll. Dieser Satz half mir mein Mitgefühl auszudrücken (anstatt genervt die Augen zu verdrehen)

Wirksamkeit der Methode:

Das Dazwischenstellen und Stop sagen, verhinderte weiteres Schlagen. Die Anteilnahme und das Verständnis half die Situationen zu entschärfen. Nur Einsicht oder gar eine Verhaltensänderung bei dieser oder anderen Streit-Situationen konnte ich mit dieser Methode nicht erreichen. Das mag daran liegen, dass meine Tochter erst 5 ist und Kinder mit z.B. 8 Jahren mit dieser Methode vielleicht etwas über ihre Bedürfnisse („was hättest du gebraucht?“) erfahren und durch diese Frage lernen, wie man diese Bedürfnisse auch anderweitig einfordern kann (ohne zu schlagen)

Wenn deine Kinder älter sind und du die Methode ausprobierst, würde ich mich sehr freuen, von deinen Erfahrungen im Kommentar zu lesen!

Zusammenfassung:

  • Die Methode ist hilfreich, um aus der Richterrolle bei Streiteskalation auszubrechen und die Verhaltensweisen beider Kinder anzunehmen und Verständnis dafür aufzubringen.
  • „Was hättest du gebraucht, um nicht zu schlagen?“ überfordert jüngere Kinder noch und kann ersetzt werden mit „Was hättest du anders machen können?“
  • Kinder werden schneller ruhig, wenn sie Verständnis für ihr Weinen/Verhalten bekommen.
  • Trotz täglichem Üben 😉 hat sich an der Häufigkeit der Streitereien nichts geändert.
  • Das Gute an der Methode ist, dass ich ohne die Richterrolle nicht noch zusätzlich ein wütendes Kind habe, weil es sich ungerecht behandelt fühlt.
  • Die Methode hindert daran, einen Schuldigen zu suchen und in der Theorie (oder vielleicht bei älteren Kindern) würde sie helfen, Lösungswege für weitere Streitigkeiten zu finden.

Bist du genervt von den Streiteskalationen deiner Kinder? Dann nimm dir diese Methode und versuche sie!

Wer weiß? Vielleicht finden deine Kinder sogar Lösungswege? Dann hast du nicht nur den Vorteil kein Richter mehr sein zu müssen, sondern deine Kinder lernen etwas über sich selbst und Konfliktbewältigung!

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