12. Januar 2016

Wie du am besten mit Geschwisterstreit umgehst

Wenn Geschwister spielen, ist der Geschwisterstreit über kurz oder lang meistens vorprogrammiert. Als Elternteil frägst du dich vielleicht: Soll ich eingreifen?

Du hast bestimmt schon einmal gehört oder gelesen, dass Geschwister ihren Streit alleine austragen sollen. Bis zu einem gewissen Streitlevel stimme ich dem zu.

Solange die Kinder beim Streiten nur lauter werden, ihre Grenzen abstecken und verteidigen und keine heftigen Handgreiflichkeiten oder Beschimpfungen folgen, können Kinder meines Erachtens einen Streit alleine bewältigen (ich beobachte den Streit weiterhin!)

Eingreifen - oder nicht? Das ist hier die Frage!
Beispiele wann ich in den Geschwisterstreit eingreife:

  • Wenn ich jedoch sehe, dass eines oder beide Kinder immer wütender werden, es Handgreiflichkeiten gibt, ein Kind beschimpft wird oder eines weint, dann mische ich mich ein.
  • Wenn ich sehe, dass ein Kind dem anderen ausgeliefert ist, weil es schwächer bzw. langsamer ist oder noch nicht so viel weiß und deswegen verzweifelt ist, dann greife ich ein.
  • Wenn ein Kind auf mich mit einer Klage zukommt, dann greife ich ein.
  • Wenn ein Kind das andere gegen seinen Willen kontrolliert, dann greife ich ein.

Ich mische mich deshalb ein, weil ich keinen Sinn darin sehe, die Kinder alleine weiter streiten zu lassen. Wenn ein Streit eskaliert ist, dann sind die Kinder einem sehr hohen Stresspegel ausgesetzt. Viele Kinder "blockieren" und sind in ihrer Wut gefangen und haben keine Ahnung, wie sie ihren Ärger losbekommen. Deshalb können sie in diesem Moment keine Lösungsstrategien für ihren Streit entwickeln. Somit hat sich das Einüben von Sozialkompetenzen erübrigt - wenn man den Kindern nicht bei der Lösungsstrategie beisteht.

Richter spielen - oder nicht? Das ist hier die Frage!
Was gegen den Richterspruch der Eltern spricht:

  • Eltern lassen sich bei Streitigkeiten zwischen Geschwistern schnell in die Rolle des Richters drängen – ich auch :-). Sie entscheiden bei Streitigkeiten, wer im Recht ist und wer nicht. Sie überlegen sich eine Lösung, eine Konsequenz oder Bestrafung. Dadurch nehmen sie ihren Kindern die Möglichkeit, selbst Verantwortung für ihren Streit zu übernehmen und ihre Konflikte selbständig zu bewältigen (ggf. zusammen mit dir als Begleitperson).
  • Ein weiterer Nachteil des Richter-Daseins ist: Eines deiner Kinder wird sich immer ungerecht behandelt fühlen , wenn es deinen Richterspruch hört. Daraus entsteht ein neues Konfliktpotential. Die Atmosphäre ist getrübt.
  • Darüber hinaus wirst du auf lange Zeit Richter bleiben müssen, weil deine Kinder lernen, dass du ihre Streitigkeiten für sie löst (und sie – die Kinder – auch noch viel Aufmerksamkeit dabei bekommen)

Die zwei verschiedenen Streit-Begleit-Methoden für den Geschwisterstreit

Probiere sie aus und schaue, welche Methode am besten zu euch passt. Berücksichtige dabei auch die verbale Ausdrucksfähigkeit deiner Kinder.

Bei Methode 1 müssen beide Kinder schon gut sprechen können.

Methode 2 ist für ein Kleinkind, das noch nicht oder nur wenig spricht und einem älteren Geschwisterkind geeignet. Aber auch für Kinder, die sich beide gut ausdrücken können.

Methode 1

Ich setze mich zwischen die streitenden Kinder und sage ihnen, dass ich mir jetzt beide Kinder anhören werde, was sie über das andere Kind bzw. den Streit zu sagen haben.


Ich frage, wer anfangen will mir zu erzählen, was vorgefallen ist. Wenn beide Kinder als Erstes loslegen wollen und ein neuer Streit darüber im Anmarsch ist, bestimme ich, dass das jüngere Kind beginnen darf. Ich sage ihnen, dass jeder gleich viel Zeit hat (demonstrativer Blick auf die Uhr 😉 ) und es somit egal ist, wer anfängt zu erzählen.

Dann widme ich mich dem Kind, das anfängt und frage, was denn los war, warum es weint oder was ihn so geärgert hat. Ich höre zu, wiederhole mit meinen Worten, was es gesagt hat. Falls das andere Kind sich einmischt, sage ich freundlich und bestimmt: “Warte noch kurz, gleich bist du dran!”


Im Falle, dass die Erzählung des ersten Kindes zu lange wird (2-3 Minuten sollten reichen, sonst wird das zweite Kind zu ungeduldig), sage ich sanft, dass seine Erzähl-Zeit gleich vorbei ist und es noch eine wichtige Sache erzählen darf.

Danach kommt das zweite Kind dran. Ich frage, höre zu und wiederhole das Gesagte wie zuvor beschrieben.

Nachdem beide Kinder ihre Sichtweise zum Ausdruck gebracht haben, werden sie nun eine Lösung für ihr Problem finden: Ich wiederhole kurz die Streitpunkte und Ärgernisse beider und frage BEIDE Kinder, was sie jetzt machen können, damit sie sich wieder vertragen bzw. zusammen weiter spielen können bzw. dass es beiden wieder gut geht.

Ich lasse die Kinder nach einer Lösung suchen. Wird eine Lösung vorgeschlagen, frage ich beide Kinder, ob diese Lösung für sie o.k. ist. Wenn ja, dann können sie wieder spielen gehen, wenn nein, muss eine neue Lösung gefunden werden. Solange bis beide Parteien einverstanden sind.

Bei jüngeren Kindern kannst du bei der Lösungssuche unterstützend mitmachen. Es wäre aber gut, wenn du dich zuerst zurückhältst, solange bis du merkst, dass sie keine Lösungen vorschlagen werden bzw. keine für beide Seiten machbaren Vorschläge finden werden. Es ist im weiteren Verlauf nämlich wichtig, dass die Kinder das Gefühl haben, sie hätten die Lösung allein gefunden, denn dann halten sie sich viel lieber dran.

Und mir gefällt daran, dass ich den Streit selbst nicht schlichten muss, in dem Sinne, dass ich sage, was jetzt zu tun sei, oder wer der “Böse” ist. Oft reicht es schon, dass beide Kinder ihren Ärger los werden konnten und danach rennen sie wieder zum gemeinsamen Spielen, weil sie gar keine Lösung brauchen. Nach meiner Erfahrung finden die Kinder schnell eine einfache Lösung und sind glücklich damit. Der Streit ist schnell vergessen.

Methode 2

Ich setze mich zu den streitenden Kindern und gebe mit meinen Worten wider, was ich sehe: "Ich sehe, dass L. deinen Stift haben will und du ihn weggeschubst hast" und welche Gefühle die Kinder wahrscheinlich haben: "Du bist wütend, weil er dir den Stift wegnehmen will und L. ist traurig, weil er den Stift so gerne haben möchte."

Deine Kinder werden darauf mit Bestätigung oder Erklärungen reagieren. Also sie Nicken dazu, sagen "ja genau" oder sie erzählen dir, was sie wirklich stört.


Die widersprüchlichen Wünsche werden eine Zeit lang hin und her gehen (das darfst du ruhig auch zulassen). Jedes Kind wird auf seine Sichtweise bestehen und seinen Wunsch durchsetzen wollen.


Deine Aufgabe ist es, diese Widersprüche deinen Kindern immer wieder zu spiegeln: "S. sagt, sie hatte den Stift zuerst. Ich glaube L. kann nicht mehr länger warten, bis du mit dem Stift fertig bist" (L. kann noch nicht sprechen)


Über kurz oder lang wird ein Kind eine Lösung vorschlagen oder ein Kind verliert das Interesse an dem Streit-Gegenstand und geht woanders hin zum Spielen.


Wenn es zu lange dauert und du bald die Geduld verlierst, bzw. du merkst, dass nach längerem Hin und Her keine Lösung gefunden wird oder der Streit sich eher aufschaukelt, dann kannst du eine Frage in die Lösungsrichtung stellen: „Was meint ihr, was könnt ihr jetzt machen, damit ihr beide wieder glücklich seid?“


Die Lösung muss für beide Kinder ok sein. Wenn nicht muss eine neue gesucht werden – so lange, bis beide Kinder damit leben können. Auch nicht-sprechende Kinder können sich mit einem Nicken ausdrücken (wenn noch nicht, dann muss dein mütterliches Gefühl entscheiden, ob das für dein Kleinkind passt)

Fazit

Streit zwischen Geschwistern wird es immer geben. Sie sind anstrengend, rauben deine Zeit und trotzdem gehören sie zu der Entwicklung deiner Kinder dazu. Irgendwann und irgendwie müssen sie es schließlich lernen, wie man mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Wünschen klarkommt – wie man Kompromisse eingeht.

Diese Streit-Methoden sind sehr effektiv ABER auch zeitaufwändiger als selbst den Richter zu spielen.

Ich empfehle dir, diese Methoden nur anzuwenden, wenn du dir auf jeden Fall 10 Minuten dafür Zeit nehmen kannst.

Auf lange Sicht jedoch sparst du dir diese Zeit wieder ein :-). Denn längerfristig lernen deine Kinder, Streitsituationen alleine zu lösen.

Versuche dem Begleiten des Streits den gleichen Stellenwert wie dem Spielen mit deinem Kind zu geben. Beides ist wichtig für die Entwicklung deines Kindes.

Das Begleiten im Streit hilft deinem Kind:

  • Sich zu beruhigen
  • Seine Gefühle verbal auszudrücken anstatt zu schlagen
  • Neue Lösungswege zu finden
  • Eine neue Perspektive zu entwickeln, was das andere Kind fühlt und wie man es schafft, dass beide Kinder glücklich sein können
  • Den Standpunkt des anderen ein wenig zu verstehen

Weitere Artikel zum Geschwisterstreit findest du hier und hier.

Nutze den nächsten Streit und setze dich dazu und berichte mir in den Kommentaren von deinen Erfahrungen!

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