26. Januar 2016

Deinen Kindern gerecht werden – was es zu beachten gibt

​"Wenn ich ein zweites Kind bekomme, wie soll ich das nur schaffen, beiden gerecht zu werden?"

So oder ähnlich klangen die Sorgen einiger Leser von KLEIN WIRD GROSS. Deshalb geht es heute genau um dieses Thema.

 Ich übergebe nun das Wort an Vera Rosenauer von "Abenteuer Erziehung" (alle lesenden Väter bitte ich, sich auch bei "Mutter" angesprochen zu fühlen 😉 )

Wenn ein zweites Kind unterwegs ist, tauchen in vielen Müttern Zweifel auf.

  • Wie sie wohl den Alltag schaffen werden?
  • Wie sie die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse unter einen Hut bringen werden?
  • Wie sie beiden Kindern gerecht werden?
  • Ob man ein zweites Kind wirklich so lieben kann wie das erste?

Für letztere Frage schämen sich viele Mütter sogar, dabei finde ich sie völlig logisch und normal. Unser erstes Baby ist etwas ganz Besonderes. Mit Sicherheit ist das erste eigene Baby das schönste, das tollste Baby und überhaupt … da liegt die Frage nahe!

Aber ich versichere dir, man kann zwei schönste, tollste und überhaupt Babys haben 😉 das war jedenfalls meine ganz persönliche Erfahrung bei meinen beiden. Bei Babys sind zwei Superlative möglich!

Ich bin sicher, dass Mamas alle Kinder gleich liebhaben.

Aber manchmal wird es Zeiten geben, in denen das eine schwierige Phase durchgeht und das andere sich gerade pflegeleicht verhält. Und da kommt man vielleicht mit dem einen etwas einfacher durch den Alltag als mit dem anderen. Aber die Liebe für beide wird da sein!

Wie aber werden wir den Kids im Alltag gerecht?

Dazu gleich ein kleines Mantra:

Gerecht heißt nicht gleich!

Es ist unmöglich, Geschwisterkinder völlig gleich zu behandeln.

Das Zweitgeborene findet eine andere Familiensituation vor als das Erstgeborene. Es kommt in eine Familie, in der die Eltern bereits Erfahrung mit einem Baby haben und in der es eben auch schon ein Geschwisterkind gibt.

Das zweite Kind mag zwar genetisch von den beiden gleichen Menschen abstammen, aber die Gene haben sich wieder vollkommen anders gemischt. Viele Eltern sind überrascht, wie unterschiedlich Geschwisterkinder sich entwickeln und reagieren, die „ja eigentlich gleich aufwachsen“.

Also nochmal Gleichbehandlung gibt es nicht und sie würde auch nicht funktionieren – sehen wir uns unterschiedliche Bereiche an, wie es da möglich sein kann, Kindern individuell gerecht zu werden.

Stichwort Aufmerksamkeit

Ein Erstgeborenes steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Für ein Neugeborenes ist das auch nötig, es ist ja vollkommen abhängig von der Betreuung seiner Bezugspersonen.

Vieles von dieser Aufmerksamkeit wirst natürlich du als Mama deinem Baby gegeben haben – und jetzt ist die Angst da, wie schaff ich das beim zweiten?

Bei der Versorgung sind natürlich wieder vorrangig die erwachsenen Betreuer gefragt, wenn es aber um die Aufmerksamkeit beim Spielen und Beschäftigen mit dem zweiten Baby geht, wirst du in deinem Erstgeborenen eine große Hilfe finden!

Für Babys sind ältere Geschwister oft die großen Stars. Ehrlich gesagt, war ich ein wenig enttäuscht, dass meine zweite Tochter ihr erstes Lächeln ihrer großen Schwester geschenkt hat und nicht mir ...

"Die tollsten Momente erlebte ich als Kind dann, wenn wir Kinder alle beisammen waren und keiner von den Erwachsenen Zeit hatte auf uns aufzupassen."

Prof. Dr. Gerald Hüther

Auch wenn die Kinder älter werden, geben sie sich gegenseitig viel Aufmerksamkeit und sind nicht ausschließlich auf die deine angewiesen. Diese Aufmerksamkeit geben sich die Kids gerne in Form von Streit – achte hier drauf, dass du dich nicht in die Schiedsrichterposition drängen lässt. Wie du das umgehst, hat Petra in diesem Artikel schön beschrieben.

Stichwort Zeit

Ja, die wird tatsächlich nicht mehr! Der Aufwand im Haushalt und in der Kinderbetreuung aber schon.

Da gibt es nur eines – Hilfe suchen und falls sie jemand anbietet, Hilfe auch annehmen.

„Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen“ diese afrikanische Sprichwort gilt umso mehr, je mehr Kinder es in der Familie gibt.

Beispiel: Wenn der Babybesuch statt Blumen einen Kuchen mitbringt, ist das auch eine Hilfe. Besucher, die selber Kinder haben, kommen vielleicht von alleine auf diese Idee. Anderen wirst du es am besten klipp und klar vorher sagen.

Das ist kein Eingeständnis, des Versagens in hausfraulichen Pflichten, sondern Vorsorge dir selbst gegenüber! Und es wird dir etwas Zeit freischaufeln, die du unbeschwert von Kuchen backen mit deinen Kindern verbringen kannst.

Stichwort Bedürfnisse und Interessen

Hier wird klar, warum das mit der Gleichbehandlung von Geschwisterkindern nicht funktioniert. Kinder sind Individuen und haben eben unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen.

Das fängt beim Alter an. Wenn du ein Baby und einen Fünfjährigen hast, kannst du nicht das Baby auch in den Fußballkurs stecken. Und wenn du jetzt die Idee hast, die Gleichbehandlung um fünf Jahre zu verschieben - vielleicht interessiert sich das Zweitgeborene mit fünf überhaupt nicht für Fußball und wäre in einem solchen Kurs höchst unglücklich.

Deshalb ist es wichtig sich immer die Individualität seiner Kinder vor Augen zu halten und dazu habe ich dir eine kleine Übung mitgebracht. Wenn du schon mehrere Kinder hast, bitte für jedes Kind einzeln machen.

Übung: Wie würde der Steckbrief Deines Kindes aussehen?

Schritt 1:

Erstelle einen Steckbrief, indem du dein Kind beschreibst – seine Eigenschaft, seine Verhaltensweisen, seine Fähigkeiten …

Du kannst dazu die folgenden Fragen zu Hilfe nehmen:

  • Was sind die Haupttalente und Neigungen, soweit sie sich bereits auszuprägen beginnen?
  • Was sind die Vorlieben?
  • Wie geht dein Kind mit neuen Situationen um?
  • Wie mit neuen Menschen?
  • Welche Art von Spielen interessieren dein Kind?
  • Wie ist seine Stellung in der Familie?
  • Wie sein Umgang mit Geschwistern?
  • Wie erreicht dein Kind seine Ziele?

Schritt 2:

Schau dir dann an, was du aufgeschrieben hast und überlege, wie es dir mit diesen Eigenschaften und Bedürfnissen deines Kindes geht.

Bewertest du sie eher positiv oder negativ?

Du hast zum Beispiel aufgeschrieben, dass dein Kind schüchtern reagiert, wenn es auf andere Kinder am Spielplatz trifft. Wie findest du das?

Gut, weil du selber auch eher schüchtern bist und die Vorstellung, dass dein Kind am Spielplatz andere Kinder anspricht und du dann nicht wüsstest, wie du auf einen Streit reagieren solltest, dir Angst macht?

Schlecht, weil in deinem Hirn die Angst auftaucht, dass sich dein Kind dann im Kindergarten viel schwerer tun wird, Freunde zu finden?

Schritt 3:

Sieh dir noch einmal die Dinge an, die du eher negativ bewertet hast.

Überlege dir, in welchen Situationen könnte diese Eigenschaft hilfreich sein?

Beim obigen Beispiel könnte das zum Beispiel sein, dass das Kind vielleicht weniger leicht Kontakt und Anschluss findet, aber auch weniger wahrscheinlich mit Fremden mitgeht.

Schritt 4:

Bitte auch andere, die dein Kind gut kennen, diese Übung zu machen.

Das kann dein Partner sein, die Oma, der Onkel oder auch die Kindergartenpädagogin.

Und dann besprich mit dieser Person deren Erkenntnisse. Du wirst sehen, dass diese teilweise ein anderes Bild von deinem Kind hat, was wiederum deine Sicht von deinem Kind erweitert.

Ich mache diese Übung auch mit Eltern in der Beratung und manchmal scheint es, als würden sie über zwei unterschiedliche Kinder sprechen!


Was bringt dir diese Übung:

Im stressigen Alltag nehmen wir die Entwicklung unserer Kinder oft gar nicht so genau wahr. Sie werden älter, ihre Fähigkeiten nehmen zu und die Bedürfnisse verändern sich. Schneller als dass unsere inneren Bilder tun.

Mit dieser Übung trittst du für ein paar Minuten aus deinem Alltag heraus und schärfst deinen Blick auf dein Kind. Du überdenkst deine eigenen, oft unbewussten Bewertungen. Du bekommst – in Schritt 4 – wertvolles Feedback von anderen.

Allein das ist schon sehr wertvoll. Weiters kannst du mit diesen Erkenntnissen eure Familiengewohnheiten und Rituale überprüfen, ob sie noch euren Bedürfnissen entsprechen oder ob Änderungen durchgeführt werden sollten, die den Kindern besser gerecht werden.

Vera Rosenauer ist die Gründerin von Abenteuer Erziehung und Autorin des Buches „(Über)Lebenstraining für Eltern: Was Eltern von 0-8Jährigen wirklich bewegt“

Auf ihrem Blog begleitet sie Eltern durch das turbulente Familienleben und gibt Antworten auf Fragen rund um Erziehung und Ernährung.

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