20. Januar 2017

Interviewreihe: Tipps für Eltern von Coaches Nr.5

Vor ein paar Monaten habe ich nach Coaches gesucht, die mit Eltern arbeiten, um deren Alltag zu verbessert, neu zu organisieren, freudiger zu gestalten oder ihnen bei einem Neuanfang zu helfen.

Die Idee war, über meinen eigenen Tellerrand hinauszuschauen und eine Interviewreihe ins Leben zu rufen, in der jeder Coach die gleichen Fragen bekommt und dir zusätzlich ein paar Tipps aus der Praxis als Coach verrät, die du selbst sofort und selbständig anwenden kannst.

Das ist nun das 5. Interview:

1. Stelle dich, deine Webseite und deine Arbeit kurz vor

Ich bin Kerstin Brausewetter. Meine Webseite heißt leben-mit-hochbegabung und darin steckt auch schon das Motto meiner Arbeit „Gut leben mit Hochbegabung!“. Ich helfe Eltern und Lehrkräften dabei, die Potenziale der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu entfalten. Ebenso unterstütze ich begabte Jugendliche beim Finden ihrer eigenen Stärken und bei der Entfaltung ihrer Potenziale. Kurzum: ich helfe dabei, die (eigenen) PS auf die Straße zu bringen!

Webseite: ​leben-mit-hochbegabung

2. KLEIN WIRD GROSS Leser/innen berichten mir oft, wie sie sich in Stresssituationen überfordert fühlen und in alte Verhaltensmuster wie Schimpfen oder Drohen zurückfallen. Wie würdest du diese Eltern dabei unterstützen, ihr Verhaltensmuster zu verändern?

In meinem Coaching ist immer der erste Schritt, dass sich der Klient etwas Gutes tut. Das schafft Entspannung! Und Veränderungen brauchen Zeit, erfordern Energie und funktionieren in Stresssituationen oft nicht. In einer entspannten Situation gelingt es dann auch gut, die einzelnen Stressoren zu identifizieren.

Dies geschieht im gemeinsamen Gespräch zwischen dem Klienten und mir, häufig auch durch den Einsatz spielerischer Methoden. Im Anschluss daran findet der Klient die für ihn passende, individuelle Lösung. Gerade bei Familien mit hochbegabten Kindern sind dies oft eher ungewöhnliche und kreative Strategien.

Dein Praxistipp, den du sofort und selbständig umsetzen kannst:

Stell dir vor, du kannst auf deine eigene Insel ziehen. Wie würde sie aussehen? Wen und was würdest du mitnehmen? Wer dürfte die Insel nicht betreten?

Diese Übung kann man schreibend beantworten oder aber auch kreativ-zeichnerisch: man nehme ein großes Blatt Papier guter Qualität, verschiedene Stifte, Zeitschriften zum Ausschneiden und Aufkleben von passenden Motiven, Fotos aus dem Internet oder selbst erstellte passende Fotos. Bei dieser Übung kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen! Im Ergebnis werden die Umstände deutlich, die den Klienten stärken (sie dürfen mit auf die Insel) bzw. schwächen (sie haben Zutrittsverbot)!

3. Schuldgefühle, hohe Erwartungen an sich selbst, Perfektionismus lasten schwer auf den Schultern mancher Eltern. Was ist dein bester Tipp, diese Gefühle/Einstellungen hinter sich zu lassen?

Die Erziehung und Begleitung eines (hoch-)begabten Kindes ist eine ziemliche Herausforderung. Viele Angebote in Schule und Freizeit passen für diese Kinder nicht oder zumindest nicht in dem Alter, für das sie angeboten werden! Zudem begegnet Eltern häufig Unverständnis aus dem näheren und weiteren Umfeld nach dem Motto „Was ist denn mit deinem Kind los?!“

Hier habe ich drei Tipps für Eltern:

  • Allein die Tatsache, dass hochbegabte Kinder von ihrem Intellekt nicht zum Durchschnitt gehören, macht klar, dass viele Angebote so für sie nicht passen. Von daher ist es sinnvoll, nach individuellen Angeboten und Möglichkeiten für diese Kinder zu suchen.
  • Der Blick auf andere Eltern mit Kindern, die auch familiäre und schulische Probleme haben, relativiert die eigene Situation! Der Blick auf die Chancen des Umgangs mit hochbegabten Kindern in der Familie (z.B. spannende Diskussionen über Themen, die im Allgemeinen nicht dem Altersstand des Kindes entsprechen) erzeugt positive Gefühle.
  • Hochbegabte Kinder müssen nicht ständig gefördert werden! Eltern haben ein Recht darauf, sich mit Alltagsdingen zu beschäftigen oder auch mal durchzuatmen.

Dein Praxistipp, den du sofort und selbständig umsetzen kannst:

Das Zusammensein mit anderen Familien mit hochbegabten Kindern lässt ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen, weil man auf Menschen mit ähnlichen Erfahrungen trifft. Das schafft in vielen Fällen ein großes Gefühl der Erleichterung nach dem Motto „Wir sind nicht allein mit unserer Situation“.

Hochbegabtenvereine wie die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. und Mensa in Deutschland e.V. bieten deutschlandweit Treffen für Hochbegabte an. Ebenso gibt es lokale Hochbegabtengruppen und –vereinigungen.

Deutsche Gesellschaft für das Hochbegabte Kind

Mensa in Deutschland e.V.​

4. Wie würdest du Eltern helfen, die gelassener werden möchten und sich wieder auf das Schöne im Alltag mit Kind konzentrieren wollen, um ihr Hamsterrad aus Ungeduld, Gereiztheit, Nörgeln, Genervt sein zu durchbrechen?

Die Eltern sollten sich auf das Wesentliche im Zusammensein mit ihrem Kind konzentrieren

  • Gemeinsam etwas unternehmen, was alle Beteiligten interessiert.
  • Gemeinsam Spaß haben.
  • Akzeptieren, dass es die „ideale“ Schule für das hochbegabte Kind wahrscheinlich nicht gibt.
  • Akzeptieren, dass nicht alles perfekt ist bzw. dass es Probleme und Herausforderungen gibt.

5. Was ist dein bester Tipp wie Eltern wieder Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen aufnehmen können, wenn sie diese im Laufe der Jahre immer hintenan gestellt haben. Und auch wie sie für deren Erfüllung einstehen können.

Hinter dem Bemühen um die beste Förderung des Kindes in Schule, Freizeit und Familie vergessen viele Eltern, vor allem Mütter, ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen. Gerade wenn die Kids älter werden und als Teenager und Jugendliche weniger Zeit mit den eigenen Eltern verbringen wollen, ist es sehr wichtig und hilfreich, als Elternteil Kontakt zu seinen eigenen Bedürfnissen und Interessen aufzunehmen.

Manchmal sind dies alte Themenschwerpunkte, die man bereits vor den Kindern verfolgte, manchmal sind es ganz neue. Allerdings erlebe ich auch immer wieder, dass vor der Verwirklichung der großen Ideen (wie neue Sportart, große Reise oder umfangreiches Kreativprojekt) die kleineren Bedürfnisse befriedigt werden wollen, wie Schlafmangel beseitigen, gemütlich einen Fernsehfilm sehen, in Ruhe ein Buch lesen oder zum Italiener an der Ecke gehen.

Dein Praxistipp, den du sofort und selbständig umsetzen kannst:

Kein Wunsch der Eltern ist zu klein, um unwichtig zu sein. Hör insbesondere auf diese kleinen Wünsche und tu dir selber etwas Gutes! Genügend schlafen, der Spaziergang an der frischen Luft oder sich mal bekochen lassen im Lokal wirken oftmals wahre Wunder!

6. Welchen Tipp kannst du Eltern geben, wenn sie mit Familie, Haushalt und (Vollzeit)Job überlastet sind und deshalb wenig Freude im Alltag mit Kind haben. Wie kann eine (berufliche) Veränderung möglich werden?

Für die „Akutphase“ der Begleitung und Erziehung hochbegabter Kinder vom Kleinkind- bis ins frühe Jugendalter empfehle ich (zumindest) eine Reduzierung der Arbeitszeit sowie möglichst eine zusätzliche Entlastung durch Unterstützung in Haushalt und Familie. Wie dies im Einzelfall aussehen kann, entscheidet jede Familie nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten.

Alles alleine bewältigen zu wollen oder müssen, ist sehr kräftezehrend und auf die Dauer wahrscheinlich nicht leistbar. Ich habe zum Beispiel viele Jahre nebenberuflich selbstständig gearbeitet, um meine Arbeitszeiten flexibel an die Bedürfnisse unserer Kinder anzupassen. Beim ersten Kind hatten wir außerdem ein Arrangement mit einer Nachbarin mit einem gleichaltrigen Kind, in dem wir abwechselnd die Kinder gehütet haben.


Die Begleitung und Erziehung eines hochbegabten Kindes braucht viel Energie. Freude im Alltag mit dem Kind funktioniert am besten, wenn man möglichst entspannt ist, z.B. indem man sich Unterstützung holt und Entlastungsmöglichkeiten schafft. Hilfreich kann da auch mein Online-Training „Raus aus dem Chaos – Gut leben mit Hochbegabung!“ sein.

7. Was wolltest du schon immer einmal zu Eltern sagen, um das Beste in ihnen ins Rampenlicht zu stellen, in ihr Bewusstsein zu holen?

Freut Euch über Eure hochbegabten Kinder! Sie sind ein Geschenk und manches Positive kann man nur mit ihnen erleben.

Genießt die gemeinsame Zeit mit ihnen! Und genießt auch Zeit allein und mit dem Partner.

Und schaut nach Euren eigenen Gaben und Begabungen! Pflegt und entwickelt sie.

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