16. März 2017

Sollst du Konflikte mit dem Partner vor den Kindern austragen?

In meiner Umfrage nach Themenwünsche kam auch der Streit mit dem Partner vor. Deshalb gibt es heute einen Gastbeitrag von Riccarda Larcher, der sich mit diesem Thema beschäftigt. Sie geht darauf ein, welche Konflikte mit deinem Partner du vor den Kindern austragen kannst und welche du lieber nicht vor den Kindern besprichst.

Ich übergebe jetzt das Wort an Riccarda:

Als du noch keine Kinder hattest, warst du sicher, dass Familienleben ein einziger Quell der Harmonie ist. Wenn du später Kinder hast, wirst du selbstverständlich immer pädagogisch wertvoll agieren und auch mit deinem Mann nie streiten – zumindest nicht vor den Kindern.

Nun seid Ihr eine Familie und vielleicht schaut deine Wahrheit jetzt etwas anders aus. Deine Kinder sind sicherlich großartig, aber manchmal bist du ausgelaugt, erschöpft und verärgert. Ja, Kinder nerven ab und zu, das knabbert am Nervenkostüm.

Wenn die Nerven mal nicht geruhsam und leicht im Federbett liegen, kommt es auch mit deinem Mann leichter zum Streit. Und es passiert, was du nie wolltest: du streitest mit ihm vor den Kindern.

Doch was heißt schon Streit? Was für den einen eine Standortbestimmung ist, ist für den anderen schon Streit. Wo ihr unterschiedliche Möglichkeiten evaluiert, wird euer Kind nervös, weil Mama und Papa streiten. Die Grenzen sind hier fließend und jede Familie hat ihre eigene Definition von Streit, Diskussion und Meinungsverschiedenheiten. Spür in dich hinein und du wirst fühlen, was für euch eine Diskussion und was Streit ist.

Die Kurzfassung für das Streiten vor Kindern:

Vor Kindern nicht: Diskussionen über Erziehungsstile und Privates, was die Beziehung betrifft, alles, was die Substanz der Familie betrifft wie Arbeitslosigkeit, denn das kann zu Existenzangst führen.

Vor Kindern sehr wohl: Austausch unterschiedlicher Meinungen auf Sachebene wie Urlaubsentscheidungen, Autokauf etc.

Lass uns die häufigsten drei Streitmotive untersuchen:

1. Streit über den Kinderalltag:
Dein Mann findet drei Eis pro Tag okay, Du nicht? Mützen im Winter sind überbewertet? Computerspielen bis spät abends fördert die Motorik?

Bei der Kindererziehung treffen gerne unterschiedliche Welten aufeinander.

Kinder fühlen sich leicht schuldig

Auch wenn es schwer fällt, über diese Dinge sollte vor Kindern nicht diskutiert werden. Kinder brauchen die Sicherheit der Familie, die Umwelt ist instabil genug. Die meisten Kinder fühlen sich schuldig, wenn der Vater aufgrund seiner Versäumnisse eins übergezogen bekommt. Sollte dich der Zorn übermannen, tief einatmen, tief ausatmen und später OHNE Kinder darüber sprechen. Das mag anfangs schwer sein, aber Routine kehrt ein.
Mein Mann und ich hatten die Vereinbarung, dass keiner den anderen vor den Kindern kritisiert, egal, worum es geht. Das war manchmal sehr schwer, wir haben es halbwegs gut, aber nicht immer hinbekommen.

Vielleicht gibt es Eltern, die in Erziehungsfragen immer einer Meinung sind, mein Mann und ich sind es nicht. Vielleicht liegt es an unserer eigenen Kindheit, mein Mann ist das mittlere Kind von drei, der Kampf um die Aufmerksamkeit der Eltern gehörte zum täglichen Kinderbrot. Ich bin ein Einzelkind. Daraus erklärt sich oft eine unterschiedliche Sicht der Dinge.

Was tun wir, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind?

- Wenn wir die Meinung des anderen weder teilen noch verstehen, fragen wir nach und oft zeigt sich, dass wir uns beide auf Erfahrungen aus unserer eigenen Kindheit stützen, die eben sehr unterschiedlich war. Unsere Tochter ist ein Einzelkind, daher hat meine Sicht der Dinge (als ehemaliges Einzelkind) einen kleinen Bonus.

- Gerade in der Kindererziehung übernimmt man oft unbewusst den Erziehungsstil der eigenen Eltern. Ich habe in vielen Bereichen wie meine Mutter reagiert, mein Mann hat mir dabei geholfen, dies abzulegen, wofür ich sehr dankbar bin. Hier ist Achtsamkeit gefragt.

- Ich scheue mich nicht, Erziehungsratgeber und die neuesten psychologischen Erkenntnisse bei Meinungsverschiedenheiten in die Waagschale zu werfen. Mein Mann akzeptiert meinen Mutter- und Expertenstatus und richtet sich im Zweifelsfall zum Wohle des Kindes nach meinen Empfehlungen.

- Manchmal hilft alles nichts: weder das Graben in der eigenen Kindheit noch offizielle Empfehlungen oder gemeinsames Reden bringen uns zur gleichen Meinung. Dann lassen wir unsere unterschiedlichen Meinungen stehen und leben damit. Wer sich wann durchsetzt z.B. Computerzeit, folgt subtilen energetischen Schwankungen, die nicht in Worte zu fassen sind :-).

Praxistipp Nr.1:
Übe dich in Gelassenheit, atme tief ein und tief aus – und sei stolz auf dich, da du vor den Kids nicht sofort explodierst, wenn etwas schief geht. Meistens ist das Unglück bereits geschehen, es reicht also, später darüber zu diskutieren.

2. Streit im Alltag:
Streit im Alltag passiert meistens aus zwei Gründen. Entweder hält einer seine Zusage nicht ein oder er verhält sich nicht so, wie der andere möchte. Der Bogen spannt sich von „Müll nicht runtertragen“ über „mit der Versicherung den Schaden klären“ bis „nie hilfst du im Haushalt“.

In der Theorie gibt es diese Streitpunkte nicht, da du deine Beziehung auf Augenhöhe mit gegenseitigem Respekt führst, jeder zieht am gemeinsamen Strang und erledigt seine Aufgaben.

In Wirklichkeit kommt es jedoch ab und zu sehr wohl zu Unstimmigkeiten. Ich selbst laufe meinem Mann derzeit seit 8 Wochen wegen einer Sachverhaltsdarstellung für die Versicherung nach. Ja, ich ärgere mich, aber ich mache es nicht vor unserer Tochter, schließlich soll mein Mann in den Augen seiner Tochter ein zuverlässiger Vater sein.

Jeder Streit kränkt dein Herz

Wenn du und dein Mann streiten – egal vor oder nicht vor den Kindern – geht mit der Zeit der Liebes-Lack ab, die Beziehung wird brüchig. Jeder Streit ist eine kleine Stichelei in dein Herz.

Es tut gut, sich immer wieder bewusst zu machen, dass man manchmal von den Wogen des Alltages mitgerissen wird. Es braucht daher Zeit zu zweit, Zeit, einander gegenseitig respektvoll zu begegnen und sich den Wert der eigenen Beziehung bewusst zu machen. Eine erfüllte Partnerschaft zu führen, braucht auch Arbeit, deshalb heißt es auch Beziehungsarbeit.

Je mehr man sich jedoch voneinander entfernt, einander nicht mehr mit dem Herzen wahrnimmt, desto weniger wird das gemeinsame Bemühen. Gleichgültigkeit zieht ein. Dann ist es egal, ob du dich dir und deinem Mann gegenüber zuverlässig zeigst, dann ist es egal, ob er in dir die Frau sieht, die er liebt oder eher die Frau, die sich um seine Kinder und den Haushalt kümmert.

Streit im Alltag begründet sich zu einem großen Maße auf Unzufriedenheit in der Beziehung. Es geht um Macht und um Kontrolle. Ich selbst nehme wenig persönlich und ich weiß, dass das Leben in Rhythmen abläuft, manchmal gibt es einfachere Phasen und manchmal schwierigere. Bei diesem Verständnis hilft mir mein Pragmatismus und mein Humor.

Kehre es nicht unter den Teppich

Kinder haben feine Antennen. Sie merken, wenn der Alltag durch Streit gekennzeichnet ist. Und nein, natürlich solltest du nicht vor den Kindern streiten. Ehrlicherweise kommt halt manchmal das Temperament durch und es passiert einfach.

Sprich mit deinen Kindern. Sie sind selber zornig, wenn sie kein Eis bekommen, sie werfen ihren Teddy vor Zorn in die Ecke. Kinder haben viel Verständnis und sie verstehen es, wenn Mama oder Papa sich ärgern.

Oberwichtig: Wenn ihr vor den Kindern streitet, weil es nicht zu verhindern war: Die Kinder nie, wirklich nie, miteinbeziehen. Vermeidet es, den Kindern Bestätigungen abzuringen oder sie als Schiedsrichter zu missbrauchen.

Praxistipp Nr.2:

Nehmen Alltagsstreitereien zu, ist es Zeit, der Beziehung wieder mehr aufmerksam zu widmen. In mühsamen Zeiten hilft es auch, den Partner für diese Zeit um Verständnis zu bitten, denn auch die stressigsten Zeiten gehen vorbei.
Notiere auf einem Zettel drei Punkte, die du an deinem Mann liebst und lies diesen Zettel täglich einmal durch.

3. Streit übers Geld:
Ein Klassiker: der Streit ums Geld. Das Geld steht hier jedoch als Platzhalter. Paare streiten über den Urlaubsort, darüber, welches Auto angeschafft werden sollte oder wo Weihnachten gefeiert wird. In einer stabilen Beziehung gibt es über diese Themen keinen Streit, sondern es handelt sich um eine Meinungsverschiedenheit.

Größere Kinder können von diesen elterlichen Diskussionen sehr profitieren, sie lernen, wie unterschiedliche Meinungen gehandhabt werden.

Voraussetzung: Die Diskussion läuft sachlich ab, es gibt Argumente und Gegenargumente und keine Beleidigungen. So lernen Kinder, dass Konflikte nichts Schlimmes sind und dass man einander gegenseitig wertschätzt, auch, wenn man unterschiedlicher Meinung ist.

Ich habe meiner Tochter solche Situationen von Anfang an erklärt: „Schau, es geht um xxx. Papa möchte das so lösen, ich so. Wir sind unterschiedlicher Meinung. Wir diskutieren es jetzt so lange aus, bis wir irgendwie eine Lösung gefunden haben.“

Unsere Tochter saß erste Reihe fußfrei und genoss das elterliche Lehrstück :-). Meistens kommen unsere Lösungen in angenehmer Atmosphäre zustande, manchmal finden mein Mann und ich nicht zu einer gemeinsamen Meinung. Auch das ist wichtig: zu lernen, dass man einander auch lieben kann, wenn kein Konsens zustande kommt.

Fazit:

Kinder sollen ruhig wissen, dass nicht nur sie selbst im Kindergarten und in der Schule streiten, sondern dass auch ihre Eltern nicht immer einer Meinung sind. Und das ist okay so. Wichtig ist, auch im Streit und im Ärger Respekt zu zeigen und nicht beleidigend zu werden. So lernen Kinder, dass es ein Morgen gibt und dass man trotz Streit wieder zueinander findet. Ist die Familie stark in Liebe und Fürsorge verwurzelt, ist ein gelegentlicher Streit kein Thema.

Praxistipp Nr. 3 und liebevoller Abschluss:

Wenn mein Mann und ich vor unserer Tochter stritten oder diskutiert haben, haben wir ihr nachher gemeinsam erklärt, dass wir nun wieder gut miteinander sind, dass wir eine Lösung gefunden haben oder auch, dass wir noch keine Lösung haben, dass Mama oder Papa traurig, enttäuscht etc. ist, was aber nichts daran ändert, dass wir einander lieben und eine tolle Familie sind. (Ja, auch das ist nicht immer einfach, aber was macht man nicht alles für die Kinder!)

Über die Autorin


Riccarda Larcher ist diplomierte Mentaltrainerin, Mentorin für glückliche Beziehungen und Buchautorin. Ihr Motto lautet: „Mit Selbstwert zur glücklichen Beziehung“. Mit tiefer Weisheit und viel Humor führt sie Frauen und Männer auf ihrem Blog "Wege zur Klarheit" zu einer selbstbestimmten Beziehung, gegründet auf viel Verständnis und Respekt. Hol dir hier eine Leseprobe ihres neuen Buches „Liebe im Alltag“

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