6. November 2017

Was es heißt, hochsensibel Mutter zu sein

​Dieser Gastbeitrag ist von Tanja Suppiger - einer hochsensiblen Mama, die über ihre Erfahrung und das Leben mit Hochsensibilität berichte​t:

Es begleitet mich schon einige Jahre, das Thema Hochsensibilität. Eigentlich weiß ich von mir selber schon seit Kindesbeinen an, dass ich hochsensibel bin, obwohl es damals, als ich noch Kind war, diesen Begriff noch nicht wirklich gab.

Doch ich wusste, dass ich anders bin. Dass ich anders empfinde, feiner wahr nehme, viele Details sehe, die so manchen verborgen bleiben. Ich hatte eine sehr lebhafte Phantasiewelt in die ich mich zurück zog und ich wusste, dass mich Emotionen von anderen Menschen, meistens die meiner Eltern, weg schwemmten, mit rissen, es für mich schwierig war, mich selber zu spüren und mich abzugrenzen.

Gegen die Definition Hochsensibilität habe ich mich lange erfolgreich gewehrt. Wie viele, die vermuten hochsensibel zu sein.

Weil es irgendwie nicht erstrebenswert ist, dieses SensibelSein.

Weil es oft mit Schwäche verknüpft wird, mit anders sein, mit zerbrechlich sein.

Weshalb Hochsensibilität mein Lebensprojekt ist

Doch mit den Jahren und nach einigen Wendepunkten in meinem Leben habe ich gelernt, mich so anzunehmen, wie ich bin, mit all meinen Facetten. Ganz ehrlich, ich bin beim einen oder anderen Punkt immer noch dabei, dies zu tun, so ganz fertig bin ich damit noch nicht. Ich glaube auch, dass dies ein Lebensprojekt von mir sein wird. Auch ich habe noch so einige Themen zum bearbeiten. Das ist auch richtig so. Doch in den letzten Jahren habe ich erkannt, dass es wichtig ist, das vermeintliche Übel beim Namen zu nennen, um mit ihm Frieden schließen zu können.

Deshalb habe ich mich mit meinem HerzBauchWerk darauf spezialisiert, hochsensible Frauen und Mamas zu begleiten. Ich zeige gerne neue Wege auf, wie man seine Hochsensibilität kraftvoll, authentisch und stark leben kann. Als Schwangere, Gebärende, Mutter und Frau. Und ganz ehrlich, oft treffe ich auf Frauen, die zu mir kommen und mir erst einmal sagen, dass sie dieses Hochsensibilitäts-Ding gar nicht toll finden. Und das jetzt nicht mehr haben wollen. Weil es lästig ist. Weil es sie davon abhält, das Leben zu leben, wie sie es sich wünschen.

Oft schmunzele ich dann auf meinen Stockzähnen. Denn einfach so abstreifen lässt sich eine Hochsensibilität nicht. Wir werden damit geboren. Und nicht selten vererben wir es an unsere Kinder weiter. Viele Frauen merken auch erst durch ihre Kinder, dass sie hochsensibel sind.

Kannst du deine Hochsensibilität annehmen?

Es gibt sie, die Möglichkeit, im Einklang mit dieser wunderbaren Gabe zu leben. Wenn wir uns auf den Weg machen zu uns selber, unserem Innersten, ein paar uralte Überzeugungen und Verletzungen über Bord werfen und Ja zu uns sagen. Es setzt voraus, dass wir aufhören damit, uns im Außen zu orientieren und uns unseren sensiblen Bedürfnissen bewusst werden. Hochsensibilität bietet uns nämlich ein riesengroßes Potential an Entfaltungsmöglichkeiten und viele Frauen, die hochsensibel Mutter sind leben schon ganz viele, tolle Eigenschaften und integrieren die in ihr Familienleben.

Was Hochsensibilität mit Attachment Parenting gemeinsam hat

Da wäre zum Beispiel die ganze Attachment-Parenting Bewegung. Ich bin fest der Überzeugung, dass bedürfnisorientiertes Begleiten von Kindern die meisten hochsensiblen Mütter automatisch machen. Weil sie erkennen, wie einzigartig und wunderbar dieses Kind ist, welches sie auf die Welt gebracht hat. Eine hochsensible Mutter respektiert sieht und respektiert ihr Kind in seiner eigenen Essenz und hat keine Lust darauf, Macht auszuüben. Denn Macht (er)zieht, manipuliert, verändert. Das mussten wir selber in unserer Kindheit schon zu oft erleben. In uns schlummern oft sehr angepasste, kleine Kinder, die dieses Anpassen als Überlebensstrategie antrainiert haben.

HS Mütter spüren die Bedürfnisse ihrer Kinder auf ganz vielen Ebenen, sie sind mit ihnen verwoben. Und doch ist da auch immer ein Funken Unsicherheit mit im Spiel, weil man alles richtig machen will. Dieser angeborene Perfektionismus, der hohe Anspruch an sich selber lässt uns oft straucheln in der Mutterrolle.

Hochsensible Menschen sind grundsätzlich sehr bedürfnisorientiert. Manchmal zu sehr. So sehr, dass es nicht mehr gesund ist für das eigene Seelenheil. Ein hochsensibles Kind, welches in den ersten Lebensjahren erfahren musste, dass sein hoch schwingendes Wesen nicht akzeptiert wird, erfährt schon sehr früh, dass es besser ist, nicht sensibel zu sein. Es registriert, dass es in seiner Essenz so nicht willkommen ist und passt sich an.

Eltern machen dies nicht aus einem bösen Willen, sondern aus einer Unsicherheit. Sie erkennen, dass ihr Kind anders ist, verletzbarer, schneller überreizt ist, mehr Ruhe braucht und wollen es schützen. Sie wollen es auf die harte Welt da draußen vorbereiten. Oft werden diese Eltern durch ihre Kinder an die eigene Hochsensibilität erinnert. Wenn in diesen Erwachsenen auch verletzte kleine Kinder stecken, die nie ihre HS leben durften, beginnt der Teufelskreis. Die eigenen Kinder erinnern sie an tiefe, verdrängte Verletzungen, die an die Oberfläche treten. Und voilà, hier haben wir einen der Gründe, weshalb niemand wirklich hochsensibel sein möchte.

Heile das verletzte innere Kind

Wer will sich schon mit dem eigenen, verletzten inneren Kind beschäftigen, wenn wir über die Jahre gelernt haben, diese Emotionen zu verdrängen und stark zu sein? (Eigentlich sehr schade, denn genau darin liegt so viel Potential für Heilung).

Es wird für HS schnell zur Überlebensstrategie, die eigenen Bedürfnisse hinten an zu stellen, und zuerst die der eigenen Umwelt zu befriedigen. Und darin sind HSP wirklich wirklich gut. Denn durch ihre feine Wahrnehmung spüren sie ihr Gegenüber meistens besser als die Person selber. Hochsensible sind also oft auch ganz tolle Zuhörer und Versteher von besten Freundinnen, Schwestern und Co.

Die eigenen Bedürfnisse erkennen

Wenn jedoch die eigenen Bedürfnisse über Jahre hinweg verdrängt und an zweiter Stelle gestellt werden kann es soweit kommen, dass man selber gar nicht mehr weiß, was man braucht, um glücklich zu sein. Vor lauter Bedürfnisbefriedigung und Orientierung im Außen hat man sich selber verloren und bricht zusammen. Oft geschieht das, wenn eine hochsensible Frau Mutter wird und es nicht mehr schafft, die Bedürfnisse der Kinder zu befriedigen. Denn das Kind lernt, dass seine Bedürfnisse an erster Stelle stehen und fordert automatisch immer mehr. Es ist also wichtig, dass Kinder schon früh erkennen, dass auch Mama und Papa Bedürfnisse haben und es in einer Familie darum geht, dass sich alle Beteiligten wohl und gesehen fühlen können.

Wenn du, liebe Leserin jetzt ein bisschen Hellhörig geworden bist, und du wissen möchtest, ob du selber auch hochsensibel sein könntest, kannst du am Ende von diesem Text einen kleinen Test machen.

Falls du schon weißt, dass du hochsensibel bist oder eins deiner Kinder, dann möchte ich dir sagen, dass es keinen Grund dazu gibt, das als einen großen Nachteil im Leben zu sehen. Denn Hochsensibilität bietet uns so viele wunderbare Möglichkeiten diese Welt da draußen intensiver, spannender und feinfühliger zu gestalten.

Ein kleiner Tipp

Der erste Schritt, den du machen kannst, um mit deiner Hochsensibilität in Einklang zu kommen, ist ruhig zu werden. Versuche einmal in einem ruhigen Moment tief und langsam in deinen Bauch zu atmen, stell dir vor, wie sich deine Füße mit dem Boden verwurzeln. Und dann nimm wahr. Wie fühlt er sich an, dein Körper? Gibt es stellen, die schmerzen, sich verspannt oder hart anfühlen? Falls ja, lass deinen Atem ganz bewusst dort hin fließen. Konzentriere dich zum Schluss auf deinen Herzbereich und versuche, tief ins Herz zu atmen. Mit jedem Atemzug dehnt sich die Energie in deinem Herzen noch weiter aus, umgibt dich wie ein kleines Schutzschild. Übrigens ist das eine ganz tolle Übung, wenn man gerade dabei ist, sich von den Emotionen und Gefühlen eines Gegenübers weg tragen zu lassen. Bleib bei dir.

Sei dir bewusst, dass alles vollkommen richtig ist, so wie es ist. Du musst nicht anders sein, du bist genau richtig. Es geht darum, zu erkennen, wer du bist und wie du die Welt in dir drinnen, in deinem Gedankenkonstrukt verändern kannst, damit sich die Welt da draußen, die wir Realität nennen auch verändern darf. Wir lassen uns viel zu oft von unseren Glaubensmustern ausbremsen. Sie sind oft ganz hinterhältig, versteckt und arbeiten im Unterbewusstsein. Sich ihnen und den unangenehmen Emotionen, die sie mit sich bringen zu stellen ist der erste Schritt für Heilung, für Veränderung. Setz dich mal hin und überlege dir, welche destruktiven Überzeugungen am meisten in dir wirksam sind. Das können Sätze sein wie: „Ich bin nicht liebenswert.“ „Ich bin viel zu sensibel.“ „ich verliere mich im Chaos“

Schau dir jeden einzelnen Satz an, lies ihn und verbinde dich wieder mit deinem Körper, in dem du achtsam atmest. Jetzt nimm wahr, welche Gefühle sich dir zeigen und schreibe sie neben jeden Satz auf. Es kann sich Trauer, Wut, Angst zeigen. Wehre dich nicht dagegen, stell dir vor, wie du sie liebevoll wie ein Baby in den Arm nimmst und dem Gefühl all deine Liebe schenkst.

In einem nächsten Schritt kannst du die negativen Sätze in positive umwandeln. Wenn du magst, kannst du dich auch wieder in sie hinein spüren, die Emotion dahinter wahr nehmen. Hänge deine PowerAffirmationen in deiner Wohnung an einem Ort auf, wo du sie jeden Tag lesen kannst, damit du immer wieder daran erinnert wirst.

Es ist an der Zeit, sich zu zeigen

Es sind wir, die es in der Hand haben, unsere Hochsensibilität als Gabe anzunehmen und sie zu nutzen. Tun wir es für uns und unsere Kinder. Denn es sind die Kinder der heutigen Zeit, die von uns Authentizität fordern. Sie wollen wahr, klar und ehrlich sein und das spiegeln sie uns von Tag zu Tag.

Lass uns Pionierarbeit leisten, zeigen, dass diese Welt ein bisschen feiner, facettenreicher und bunter sein darf. Die Welt ist so, wie du sie siehst. Deine Gedanken formen ihre Realität.


Über die Autorin


Tanja Suppiger ist 38 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern im Luzerner Seetal in der Schweiz. Seit Anfang 2016 bietet sie mit HerzBauchWerk Begleitungen und Coachings für hochsensible Schwangere, Gebärende, Mütter und Frauen an. Nebenbei schreibt, malt und bloggt sie leidenschaftlich.

Am 15. Januar 2018 startet ein elfwöchiger IntensivOnlineKurs zum Thema „Entdecke deine Hochsensibilität als PowerTool“, welcher speziell auf die Bedürfnisse von hochsensiblen Frauen und Müttern abgestimmt ist, um in Ruhe von zu Hause aus die eigene Hochsensibilität kennen und lieben zu lernen. Mehr Infos zum Kurs gibt es hier.

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