Wenn das zweite Kind kommt

Einige Leser von KLEIN WIRD GROSS haben mir im Email mitgeteilt, dass sie sich ein zweites Kind wünschen, sich aber Sorgen machen, wie das Erstgeborene das wegstecken wird.

Deshalb widme ich mich in diesem Artikel dem Thema "Gefühle des Erstgeborenen und Eifersucht auf das Geschwisterkind im Speziellen"

Welche Veränderungen treten mit einem Geschwisterkind ein, welche Gefühle kann das im Erstgeborenen hervorrufen?

  • Gerade in der Anfangszeit wird die Mutter für ihr Erstgeborenes viel weniger Zeit haben als zuvor - das kann Trauer oder Wut nach sich ziehen
  • Das Erstgeborene stand bis jetzt im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dieser Fokus verschiebt sich jetzt, weil der Fokus auf zwei Kindern liegt - Gefühle der Wut oder Verzweiflung könnten folgen
  • Wegen Müdigkeit und Erschöpfung kann es den Eltern passieren, dass sie nicht mehr ganz so geduldig mit ihrem Erstgeborenen sind wie zuvor. Ängste, ob Mama und Papa es noch lieb haben, könnten entstehen.
  • Die Mutter kann nach der Geburt evtl. nicht mehr alles so machen wie zuvor. Z.B. die Große körperlich nicht mehr tragen können. Trauer könnte die Folge sein.
  • Das Schreien vom Baby unterbricht ganz schnell gemeinsame Spiele bzw. die Vorlesezeit. Da kann das Erstgeborene schon mal wütend werden.
  • Beim Stillen sind sich Mutter und Baby so nahe. Das könnte Verlustängste hervorrufen.
  • Das Erstgeborene ist plötzlich von "der Kleinen" zum "der Großen" geworden. Obwohl es vielleicht auch noch gerne Klein sein möchte und traurig darüber ist.

Die erste Zeit, in der das Geschwisterchen da ist, kann eine emotional sehr aufwühlende Zeit für dein Erstgeborenes sein. Meine Betonung liegt auf KANN. Es muss nicht sein - jedes Kind reagiert anders auf diese neue Situation.

Ich habe meine Tochter sehr gut auf die neue Situation vorbereitet und sie von Anfang an mit einbezogen - und trotzdem hat sie sich sehr schwer getan mit der neuen Situation und war stark eifersüchtig - was ich in dem Ausmaß nicht erwartet hätte.

Andere Mütter haben von ihrem Kind gedacht, dass es schwierig werden könnte nach der Geburt und die Kinder haben es problemlos weggesteckt.

Man kann also nicht sagen, welche Gefühle sich in dem Erstgeborenen entwickeln. Ich musste erst lernen zu akzeptieren, dass es ok. für meine Große ist, dass sie solche starken Gefühle hat. Wenn du dich in das nachfolgende Szenario hineindenkst, dann fällt das Annehmen der starken Gefühle gar nicht mehr so schwer:

Versuche den Schmerz zu verstehen, wie es ist, plötzlich kein Einzelkind mehr zu sein

Stell dir vor: (wenn du ein Mann bist, dann drehe das Szenario einfach um)

Dein Mann bringt eines Tages eine neue Frau mit nach Hause. Er ist ganz begeistert von ihr und widmet seine meiste Zeit ihr. Ab und zu gibt er dir ein wenig Aufmerksamkeit. Wenn die andere ihn aber ruft, rennt er sofort zu ihr.

Außerdem gibt dein Mann der neuen Frau deine Bücher „die brauchst du doch nicht mehr, hast sie ja schon gelesen“ und einige deiner Kleidungsstücke „die passen dir doch nicht mehr“. Außerdem verlangt er von dir, dass du dein Smartphone, Tablet und Laptop mit der neuen Frau teilst.

Die Krone ist: Er will auch noch, dass du seine neue Frau liebenswert und süß findest und dich ganz fantastisch mit ihr verstehst!

Wie würdest du darauf reagieren? Vielleicht: „Geh zum Teufel!", "Da mache ich nicht mit!" oder "Entweder sie oder ich!“

Versuche, die Gefühle deines Kindes anzunehmen

Meiner Erfahrung nach ist es das Beste, die Gefühle des Kindes anzunehmen und ihm beizustehen. Es in den Arm nehmen, wenn die Wut oder Trauer es überrollt (oder bei ihm sitzen, wenn es das gerade nicht möchte). Ich habe auch mit meiner Tochter über ihre Gefühle gesprochen und Sätze wie "Ich will, dass das Baby wieder weg geht" nicht weiter kommentiert, habe es nur wiederholt um ihr zu zeigen, dass ich sie verstanden habe.

Eifersucht auf das Geschwisterchen

Die Eifersucht ist ein Zeichen, dass dein Kind Anpassungsschwierigkeiten an die neue Situation hat. Es ist nicht einfach für das Erstgeborene, eine neue Rolle einzunehmen oder eine neue Nische zu finden.

Wie zeigt sich Eifersucht?

Das ist von Kind zu Kind unterschiedlich.

  • Ein Kind wird laut, wütend und fordert Aufmerksamkeit ein. Ein anderes Kind zieht sich zurück
  • Ein Kind will wieder Windeln anziehen, das andere will jetzt nur noch groß sein und alles alleine machen
  • Ein Kind schlägt das Baby, ein anderes Kind schlägt dich
  • Ein Kind zieht Besucher vom Baby weg, ein anderes Kind macht Unsinn, während du das Baby stillst
  • Ein Kind zieht die Aufmerksamkeit auf sich, indem es aus einer Mücke einen Elefanten macht (gestupst werden = sehr schmerzhaft), ein anderes Kind will die große Schwester/den großen Bruder spielen und alles bestimmen, was das Baby machen und tun soll

Wie soll man am besten mit Eifersucht umgehen?

Dein Kind braucht extra viel Zuwendung von dir, damit es merkt, dass du es genauso liebst wie das Baby.

Ich habe meine Tochter viel in den Arm genommen oder darüber geredet, dass es nicht immer einfach ist, einen Bruder zu haben. Aber auch die schönen Sachen erwähnt, die sie mit ihrem Bruder machen kann, jetzt schon und wenn er etwas größer ist.

Wenn dein älteres Kind gerade wütend ist, dann hilft Reden bzw. freundliche Erklärungen oft nicht viel ─ weil diese nicht mehr aufgenommen werden können. Es ist dann besser und auch gesünder für dein Kind, wenn es die Wut rauslassen darf und du bei ihm bist - evtl. es hältst oder über den Rücken streichelst (falls dein Kind das zulässt).

Darüber hinaus versuchte ich, ihre Perspektive ein wenig wegzulenken von: „Mein Geschwisterchen steht mit mir in Konkurrenz“ hin zu „eigentlich ist es richtig schön, ein jüngeres Geschwisterkind zu haben - bzw. eine große Schwester zu sein“

Wenn meine Große dem Baby etwas in die Wiege legte, dann erwähnte ich, wie der Bruder sich über die große Schwester freut "Schau mal, wie er dich anstrahlt, er ist glücklich über die Rassel, die du ihm gegeben hast". Oder ich machte sie darauf aufmerksam, wenn er zum Weinen aufhörte, weil sie mit ihm sprach. "Hast du gemerkt, er hat ganz schnell zum Weinen aufgehört, weil du mit ihm sprichst!" Das machte sie ganz stolz.


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Sonya - 28. Februar 2016 Kommentiere

Hallo Petra,
dein Artikel ist toll und geht genau auf die Frage deiner Leserinnen ein.
Ein Punkt den ich aber vermisse ist: Wenn die Kinder erst mal größer sind und aus der ersten Phase mit dem Baby hinausgewachsen sind, dann ist das kleine Geschwisterchen doch in den meisten Fällen ein Geschenk für das Erstgeborene, weil es auch zu Hause in einer Kinderwelt leben kann (und nicht als Einzelkind in einer Erwachsenenwelt) und eben auch jemanden zum Spielen da ist. Das geht ja bis ins Erwachsenenalter, dass Geschwister füreinander da sind / sein sollten. Die Geschwisterbeziehung ist in der Regel diejenige, die uns in unserem Leben am Längesten begleitet.
Ich schreibe das, weil ich es für wichtig halte erwähnt zu werden. Bevor das Baby kommt, ist die erste möglicherweise schwierige Zeit für das nun große Geschwisterchen ein großes, presentes Argument. Auf’s ganze Leben gesehen, relativiert sich das wieder. Und meiner Meinung sollte niemand wegen dieser ersten Zeit auf ein Geschwisterchen verzichten.
Ups, ist jetzt ganz schön lang geworden …
Viele liebe Grüße
Sonya

    Petra - 28. Februar 2016 Kommentiere

    Hi Sonya,
    danke dir für die hervorragende Ergänzung! Ja, Geschwister sind definitiv eine Bereicherung für das Erstgeborene!
    LG
    Petra

Petra Prosoparis - 25. Februar 2016 Kommentiere

Liebe Petra

vielen Dank für Deinen erhellenden Artikel! Ich habe im Herbst 2012 bei meiner Großen genau diese Anpassungsschwierigkeiten erlebt von denen Du berichtest. Dein Beitrag hätte mir damals gut getan!! Einfach zu wissen, dass die Eifersucht und die Reaktionen durchaus normal sind. Viel Verständnis und viel Liebe haben bei uns auch gewirkt.

Herzliche Grüße
Petra Prosoparis

    Petra - 25. Februar 2016 Kommentiere

    Ist nicht so einfach, starke Gefühle wie große Eifersucht anzunehmen bzw. damit umzugehen, oder wie ging es dir damit?
    LG
    Petra

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