6. Juli 2016

Warum das freie Spiel für dein Kind so wichtig ist und wie du es unterstützt

Was macht dein Kind den ganzen Tag?

Wenn deine Antwort "Spielen" ist, dann ermöglichst du deinem Kind, sich selbständig nach seinem "inneren Bauplan" zu entwickeln.

Das freie Spiel ist immens wichtig für die Entwicklung deines Kindes - viel mehr noch als das gezielte Lernen von Farben, Formen und Zahlen.

Was bedeutet das freie Spiel eigentlich?​

Dein Kind darf selbst entscheiden, was es spielen möchte, für wie lange und mit wem:

  • Will dein Kind in diesem Moment malen, puzzeln oder Lego bauen?
  • Wird es damit 5 Minuten oder eine halbe Stunde spielen?
  • Will es alleine, mit dir oder mit seiner Schwester spielen?

Warum das freie Spiel so wichtig ist

Spielen ist für dein Kind Lernen und Spaß zugleich. Also nicht nur ein schöner Zeitvertreib. Aber dein Kind verfolgt auch kein Ziel (z.b. ich will heute einen Turm bauen lernen) sondern es geht ihm um die Tätigkeit selbst, die ihm Freude bereitet und ihm Lernerfahrungen bringt.

Über das freie Spiel begreift dein Kind seine Welt:

  • Über das Halten der Gegenstände „begreift“ es diesen auch im Kopf. Dein Kind ertastet die Oberfläche (ist sie glatt oder rau, weich oder hart). Dein Kind hört vielleicht Geräusche, die der Gegenstand macht (ein Bauklotz, der auf den Boden fällt). Dein Kind schaut den Gegenstand ganz genau an und evtl. schmeckt es ihn auch noch. Im Gehirn des Kindes entsteht ein Bild vom Gegenstand, das mit all den Sinneswahrnehmungen abgespeichert wird.
  • Über das Nachspielen von beobachteten Situationen (z.B. wie eine Mutter ihr Baby mit einem Löffel füttert), fühlt das Kind sich in diese Rolle hinein (fördert seine sozial-emotionale Entwicklung) und übt verschiedenste Fertigkeiten (in diesem Beispiel hält das Kind den Löffel und führt ihn gezielt zum Mund der Puppe)
  • Spielerisch erfährt dein Kind die Welt und baut so ein Verständnis dafür auf, wie die Welt und Beziehungen funktionieren.
  • Dein Kind erfährt im Spiel das Prinzip von Ursache und Wirkung. Wenn ich einen Flummiball gegen die Wand werfe, dann kommt er zu mir zurück. Dein Kind erfährt, dass sein Tun eine Reaktion hervorruft.
  • Es lernt spielerisch den Umgang mit den Dingen und Menschen der Welt. Z.B. erfährt dein Kind, wie es den Teller aus der Spülmaschine ausräumt, ohne dass er kaputt geht. Oder es erfährt, wie es sich verhalten muss, um eine bestimmte Reaktion im Gegenüber hervorzurufen. Z.B spielt dein Kind den Clown und will damit dich oder andere Menschen zum Lachen bringen.

Über das freie Spiel begreift dein Kind sich selbst:

  • Dein Kind erfährt im Spiel die Reichweite von Emotionen. Die Stärke seiner Wut, wenn etwas nicht klappt. Das wohlige Freudengefühl, wenn man mit guten Freunden spielt. Die tiefe der Traurigkeit, wenn man etwas nicht bekommt, was man haben will.
  • Dein Kind erfährt im Spiel seinen Körper. Es merkt, was sein Körper schon kann und was noch nicht. Es fühlt, was seinem Körper gut tut und was weh tut. Es erfährt, ob sich etwas schön oder nicht gut anfühlt.
  • Dein Kind lernt, dass es einen Einfluss auf seine Umwelt hat. Nach und nach weiß dein Kind, was es tun muss, um seine Umwelt nach seinen Wünschen zu verändern. Z.B. will dein Kind seinen Kuscheltieren ein Mittagessen machen. Dafür geht es an den Schrank und holt Teller raus, an eine Schublade, um das Besteck zu holen usw.
  • Im Spiel erfährt dein Kind seine Möglichkeiten und Grenzen. Z.B. merkt es schnell, ob es schon auf einer Linie schneiden kann oder ob es immer wieder davon abkommt.

Was dein Kind im freien Spiel lernt

  • Sich zu konzentrieren
  • ​Zusammenhänge zu verstehen. Z.B. wenn ich beim Gießen den Topf nicht treffe, dann wird der Boden nass
  • ​Physikalische Gesetze. Z.B, wenn ich Bausteine schief staple, dann fällt der Turm um
  • Dein Kind lernt Strategien, wie es seine Absichten (was es sich vorstellt) in die Realität umsetzt. Z.B. möchte dein Kind einen Zoo bauen und überlegt sich nun einen Weg, wie es das schafft. Es holt sich Bauklötze und die Box mit den Tieren.
  • Über Tischspiele oder Spiele mit anderen Kindern lernt dein Kind, dass es Regeln gibt, an die man sich halten und evlt. auch seine eigenen Wünsche unterordnen muss.​
  • Im Spiel lernt dein Kind auf sich selbst zu hören, auf seine Wünsche und Bedürfnisse. Es frägt sich, was will ich jetzt machen, was brauche ich, was macht mir Spaß.
  • Über das gemeinsame Spiel mit anderen Kindern lernt das Kind, Wünsche und Vorstellungen mehrerer Menschen unter einen Hut zu bekommen. Es lernt etwas über Führung und Einfügung. Und nicht zuletzt lernt dein Kind, wie man im Team Probleme löst.
  • Im Spiel lernt dein Kind, seine Gefühle zu kontrollieren
  • Dein Kind lernt mit seinen Grenzen, Stärken und Schwächen umzugehen 
  • im freien Spiel lernt dein Kind alles, was es später für das Lernen in der Schule benötigt: Ideenreichtum, Selbständigkeit, soziale Kompetenzen und Problemlösung.

Wie kannst du dein Kind im freien Spiel unterstützen?

Gib deinem Kind eine sichere Umgebung, damit es mit Freude erforschen kann und nicht ständig von einem "nein, das darfst du nicht" oder "das ist zu gefährlich" unterbrochen wird.

Schenke deinem Kind Geborgenheit und Nähe wenn es danach verlangt, sodass es danach wieder die Kraft hat, sich von dir zu entfernen und die Welt zu erforschen.

Wenn etwas im Spiel nicht so klappt, dann zeige deine Anteilnahme oder Tröste dein Kind, sodass es sich danach wieder gestärkt in sein Spiel stürzen kann.

Stelle deinem Kind eine anregende Umgebung zur Verfügung. Lege Dinge in Reichweite deines Kindes, damit es Gelegenheit hat, mit Freude und Selbständigkeit damit zu hantieren

Greife die Interessen deines Kindes auf. Dein Kind lernt immer das am Besten, für was es sich gerade interessiert. Und nicht das, was wir oder die Schule denkt, was es heute lernen sollte. Beobachte dein Kind, was es im Moment immer versucht zu machen (z.B. Türme bauen, Brot schmieren, Deckel zuschrauben…) und greife diese Dinge auf bzw. stelle Materialien dafür zur Verfügung.

Schenke deinem Kind viel Zeit für das freie Spiel (wenig geplante Termine), sodass es im Spiel aufgehen und sich entfalten kann. Wenn das freie Spiel zu Ende gehen muss, dann bereite dein Kind einfühlsam darauf vor, dass die Spielzeit bald vorbei ist und es sich auf das Ende einstellen kann.​

Vertraue deinem Kind, dass es selbst weiß, was es gerade Lernen soll. Du kannst dir dabei vorstellen, dass dein Kind einem inneren Lehrplan folgt.​

Hunger oder Durst hindern dein Kind daran ins freie Spiel hineinzufinden bzw. ausdauernd und konzentriert zu spielen.

Fazit

Das freie Spiel ist sehr wichtig für die Entwicklung deines Kindes. Es lernt ganz viel über sich und die Welt und über das Leben im sozialen Miteinander.

Du kannst mit einfachen Kleinigkeiten das freie Spiel deines Kindes unterstützen und es somit in seiner Entwicklung ganz nebenbei fördern.

Jetzt würde mich interessieren, was dein Kind im Moment am liebsten spielt, welchem "inneren Lehrplan" es gerade folgt. Ich freue mich über einen Kommentar von dir!

Weitere Artikel der Serie: "Spielerisch Lernen"

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Leila - 8. Juli 2016 Kommentiere

Liebei Petra, danke für den tollen Artikel! Unser Problem ist, dass unsere Tochter wunderbar mit uns oder anderen Kindern spielt, aber nie allein. Immer muss jemand mitspielen. Sie bevorzugt seit jeher rollenspiele. Hast du noch einen Tipp, wie wir das allein spielen fördern können? Sie ist jetzt 2 Jahre und 8 Monate alt. Liebe Grüße, Leila

    Petra - 9. Juli 2016 Kommentiere

    Hallo Leila,
    du kannst eine Weile mit deiner Tochter spielen (z.B. Kochen für Kuscheltiere) und ihr dann sagen, dass du in 10 Minuten die (z.b.) Wäsche machen gehst und sie dir (z.B) dann noch ein Mittagessen kochen kann (in ihrer Spielküche) bis du wiederkommst, weil du nach der getanen Arbeit Hunger haben wirst. In 5 Min und 8 Min sagst du es nochmal, dass sie sich darauf einstellen kann. Bevor du gehst, sagst du ihr erneut, dass du nach dem Wäsche aufhängen zu ihr zum Mittagessen kommst. So gibst du ihr eine Richtung zum alleine spielen (und ein Ziel) aber auch eine Aussicht darauf, wieder mit dir spielen zu können, was sie ja am liebsten macht. In dem Alter deiner Tochter ist das alleinige Spielen oft noch kurz – was heißt ein paar Minuten bis 10 vielleicht 15 Minuten, bevor es wieder kommt um bei Mama oder Papa „aufzutanken“. Das ist einfach von Kind zu Kind unterschiedlich. Mein 2. Kind hat schneller und länger alleine gespielt als mein 1. Kind. Ich hoffe, das hilft dir weiter. LG Petra

Nicole - 7. Juli 2016 Kommentiere

Das klingt alles so schön. Aber mein Kind (fast 3 Jahre) spielt überhaupt nicht frei, hat es noch nie. Auch als Baby hat sie keine Spielsachen angerührt. Sie läuft mir in der Wohnung nach und schaut, was ich mache. Sie würde nie selbst zu einem Puzzle, Spiel oder sonstiges greifen, auch nicht, wenn ich sie dazu ermuntere. Sie möchte, dass ich mit ihr spiele, aber sie schlägt nichts selbst vor. Manchmal mache ich mir deswegen Sorgen.

    Petra - 7. Juli 2016 Kommentiere

    Hallo Nicole,
    das freie Spiel muss nicht zwangsläufig über Spielsachen oder alleine vonstatten gehen, sondern kann auch mit Alltagsgegenständen bzw. mit dir geschehen. Wenn sie dich in der Wohnung beobachtet, „arbeitet“ sie dann mit dir mit? Oder wenn sie möchte, dass du mit ihr spielst, welche Rolle sollst du einnehmen? Das könnte dir einen Hinweis darauf geben, dass sie vielleicht „Alltag frei nachspielt“ anstatt mit Spielsachen zu spielen.
    LG
    Petra

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