16. Januar 2018

Das hochsensible Kind und ich

Dieser Artikel ist von Tanja Suppiger und er gibt dir einen tiefen Einblick in ihre Welt als hochsensible Mama mit hochsensiblen Kindern:

Ich bin Mama. Mama von drei ganz wunderbaren Kindern. Einem Sohn, er ist der Älteste im Bunde und zwei wunderbaren Mädchen. Alle drei sind sie ganz unterschiedliche, zauberhafte Kinder. Und doch haben sie etwas gemeinsam: Sie sind alle hochsensibel. Zwei von ihnen wären wahrscheinlich auch als HighNeed Baby durch gegangen. Oder alle drei. Das ist immer so eine Ansichtssache, wie ich finde.

Ganz ehrlich. Es fällt mir gerade sehr schwer, diese wertenden Worte zu schreiben. Schubladen und Diagnosen liegen mir nicht. Und doch weiss ich, dass es wichtig ist, darüber zu schreiben, zu erklären, was es bedeutet, Mama von einem oder mehreren hochsensiblen Kindern zu sein. Vor allem dann, wenn die Mama selber auch hochsensibel ist.

Vielleicht, ja vielleicht gibt es ja nicht nur HighNeed Babys sondern auch HighNeed Mamas. Falls dem so ist, bin ich ganz sicher so eine HighNeed Mama.

Wenn aus einem hochsensiblen Kind eine hochsensible Mutter wird

Ich kann mich noch sehr gut an meine Kindheit erinnern. Damals gab es den Begriff Hochsensibilität noch nicht. Es gab einfach mich, und ich war einfach ein bisschen anders als die anderen.

Ich war sensibler, nahm vieles immer sehr schnell zu Herzen. Ungerechtigkeiten rissen mich regelmässig völlig aus der Bahn und liessen mich wütend und traurig werden. Ich hatte eine sehr rege Fantasie, konnte mich stundenlang in meine Traumwelt zurück ziehen und unsichtbares sichtbar werden lassen. So sichtbar, dass meine Mutter für meinen imaginären Freund Hanem mit kochen oder meine Grossmutter ihn mit mir in der ganzen Stadt suchen musste, weil wir ihn während dem Einkaufsbummel verloren hatten.

Ich war sehr gerne alleine. Viele Kinder, lautes Geschrei, wildes Spielen, das war mir alles zu viel. Ich liebte es im Keller zu basteln, zu malen oder draussen im Wald MatschSuppe zu kochen.

Ich hasste die selbst gestrickten Pullover, die ich von meiner Grossmutter geschenkt bekam und anziehen MUSSTE. Sie liessen meine Haut jucken und rot werden. Genau so sehr hasste ich Strumpfhosen und diese gehäkelten Socken, die es damals zu meiner Zeit noch gab. Sie waren für mich wortwörtlich untragbar. Mein StrumpfhosenTrauma geht sogar so weit, dass ich es bei meinen eigenen Kindern weitgehend vermeide, Strumpfhosen anzuziehen.

Mich an neue Situationen anzupassen viel mir sehr schwer. Eltern, die sich trennten, ein neuer Partner meiner Mutter, Umzug, eine neue Familie. Das war für mich und mein System einfach zu viel.

Der Rest der Familie schien sich sehr schnell und gut mit diesen neuen Gegebenheiten zurecht zu finden. Ich konnte das nicht. Ich konnte nicht einen Schlussstrich ziehen und einfach neu weiter machen, bevor ich nicht verstanden hatte, weshalb es überhaupt so weit gekommen ist. Irgendwas hatte ich wohl falsch gemacht. Nur was? Darüber konnte ich nächtelang nachdenken, ohne einzuschlafen. Während die Anderen fröhlich ihr neues Leben genossen litt ich einsam und stumm weiter. Bis ich in der Pubertät dann laut und rebellisch wurde.

In der neuen Schule wurde ich zur Aussenseiterin. Ich hasste Schule sowieso. Es war der Ort, an dem ich spürte, wie ich bewertet und eingeteilt wurde. Weshalb begriff ich dieses doofe Rechnen nicht? Schon wieder eine Prüfung, ohje, wenn ich die versau dann… Der Druck wurde immer grösser und grösser. Ich litt lange Zeit unter Prüfungsangst und dem ganzen Vergleichen, Bewerten, und dem „du musst dich anstrengen und gut sein, sonst wird aus dir nichts!“

Trabte Frau Müller aus der Klasse 5b durch den Gang war für mich der Tag sowieso gelaufen. Der Duft von ihrem Parfüm namens Opium schien eine halbe Ewigkeit in der Luft zu hängen. Ein Duft, der für meine feine Sinneswahrnehmung einfach zu viel war. Regelmässig bekam ich pochende Kopfschmerzen nach einer Begegnung mit ihr.

Nun gut, ich habe meine Kindheit überlebt. Dieses sensible Kind, wie mein Grossvater mich gerne nannte, wurde gross. Erwachsen. Es wurde sogar selber Mutter.

Mutter von einem hochsensiblen Baby sein

Drei hochsensible Babys hab ich gross werden lassen. Mindestens zwei von ihnen würden viele als sogenannte HighNeed Babys bezeichnen.

Sie haben viel geweint. Vor allem dann, wenn es darum ging, nach einem ereignisreichen Tag den Schlaf zu finden. Sie waren wie ich, das hat mir meine Mutter gerne bestätigt. Jeden Abend weinte ich als Säugling mindestens eine Stunde lang, bevor ich endlich einschlief. Meine Kinder taten es mir gleich.

Sie wollten getragen werden. Stundenlang. Meine jüngste Tochter ist auch heute noch, mit knapp zwei Jahren ein absolutes Tragekind. Den Kinderwagen haben wir schon im Sommer verkauft. Wir brauchten ihn praktisch nie. Ihren Mittagsschlaf macht sie in den seltensten Fällen im Bett, sondern auf meinem Rücken. Als kleines Baby wollte sie nur bei mir sein. Ging ich für eine Stunde aus dem Haus, um meine geliebte Pilateslektion zu besuchen, weinte sie bis ich wieder da war. Jede Woche. Eineinhalb Jahre lang. Papa konnte sie nicht beruhigen. Kaum war ich zurück und nahm sie auf den Arm, war der ganze Spuk vorbei und sie schlief friedlich bei mir ein.

Ach ja, die Sache mit dem Schlafen. Meine Kinder können nicht alleine schlafen. Kein einziges. Und weisst du was? Das ist auch gut so! Denn ich schlaf auch überhaupt nicht gerne alleine! Also kuscheln wir uns jeden Abend immer ganz nah aneinander und geniessen unsere Nähe bevor wir uns in unsere Traumwelten weg beamen.

Meine Kinder waren schnell überreizt. Viel Besuch, laute Musik, eine volle Mall… All das liess meine Kinder regelmässig überreizen. Übrigens auch heute noch. War einfach wieder einmal alles zu viel, musste der ganze Druck von diesen vielen Sinneseindrücken irgendwo abgelassen werden. Wie? Genau! Mit weinen! Also weinten sie, bis sie wieder zur Ruhe kommen konnten. Irgendwann, nach einer, zwei, drei Stunden oder einem ganzen Tag.

Sie hingen an meiner Brust wie kleine Milchvampire. Mamas Brust ist der sichere Hafen. Kein einziger Schnuller hat meine je Kinder je so beruhigt wie meine Brust. Ist meine kleinste nicht fit oder steckt sie mitten in einem Wachstumsschub kann sie heute noch die ganze Nacht an meinem Nippel verbringen.

Sie brauchten Auslauf. Ein Tag nur drinnen verbringen? Ohne Spaziergang? Ohne frische Luft? Eine Katastrophe! Meine Kinder mussten schon von klein an nach draussen, sich bewegen, die Welt erkunden. Haben wir das ausgelassen, konnten sie schlecht runter fahren.

Mutter von hochsensiblen Kindern sein

Heute sind meine Kids fünf, vier und knapp zwei Jahre alt. Unseren Alltag gestalten wir so, dass wir alle nach unseren Bedürfnissen leben können. Manchmal ist das gar nicht so einfach.

Mein Sohn besucht seit dem Sommer den Kindergarten und ich merke, wie das Thema Schule für uns immer präsenter und wichtiger wird. Ich frage mich oft, ob hochsensible Kinder in das heutige, öffentliche Schulsystem noch passen. Ein System, das mir selber immer wieder Kopfzerbrechen bereitet und mich immer wieder in tiefe innere Prozesse fallen lässt. Möchte ich dieses Bewerten, Urteilen, Macht ausüben für meine Kinder? Kann ich dem als Mutter entgegen wirken? Will ich das für meine Kinder? Wie wohl fühlt sich mein Sohn wirklich in diesen Strukturen?

Er ist ein sehr angepasstes Kind. Das ist seine Überlebensstrategie. Da er die Gefühlslagen seiner Mitmenschen sehr gut wahr nehmen, lesen und interpretieren kann, passt er sich den Bedürfnissen im Aussen an. Auch den Strukturen, die ihm der Kindergarten vor gibt. Ich will das gar nicht werten. Nur frage ich mich, ob diese Strukturen für mein Kind sinnvoll sind oder nicht, ob sie ihn nicht davon ab halten, sich selber kennen und lieben zu lernen wie er ist, anstatt sich anzupassen. Ich könnte jetzt glaube ich noch gefühlte 20 Seiten über Schule und hochsensible Kinder schreiben, das würde aber den Rahmen sprengen.

Meine mittlere Tochter tickt hier ein bisschen anders. Sie ist ein Rebell. Wie ich. Eine Mischung zwischen Pippi Langstrumpf und Michel. Sie lebt absolut in ihrer Welt. Die funktioniert so, wie sie sich das vorstellt. Kompromisse werden nur zögerlich angenommen, wenn etwas nicht nach ihrem Muster zu funktionieren scheint, nicht in ihre Vorstellung passt.

Wird ihr alles zu viel, äussert sich das bei ihr nicht wie bei meinem Sohn mit Rückzug, sondern mit Angriff. Sie wird laut, wild, fängt an im Haus rum zu toben, Dinge zu demolieren. So reguliert sie sich. Da sich das sehr brachial äussert, würde man bei ihr wahrscheinlich am wenigsten eine Hochsensibilität „diagnostizieren“. Ich behaupte, dass sie am sensibelsten ist von allen, es aber auch am wenigsten zeigt. Das ist ihre Überlebensstrategie. Während mein Sohn seine Gefühle und Emotionen sehr gut lesen und intepretieren kann, ist es für meine Tochter noch sehr schwierig aus den Wutausbrüchen, Eifersuchtszenen oder der Trauer, die sie spürt auszusteigen. Mein Sohn kann ganz klar sagen, wenn ihm eine Situation zu viel ist. Meine Tochter schwappt einfach Emotional irgendwann mal über.

Das zu erkennen und dann die nötige Ruhe in die Situation zu geben oder eben meine Kinder aus diesen GefülsTsunamis hinaus zu begleiten ist meine Aufgabe als einfühlsame Mama.

Gute Eltern für hochsensible Kinder sein

Hochsensiblen Kindern kann man nichts vormachen. Egal, ob sie erst im Säuglings- oder schon im Schulalter sind. Durch ihre feine Wahrnehmung und die Empathie, die sie mit sich bringen, spüren sie genau, was in ihrem Umfeld ab geht.

Einem hochsensiblen Kind zu sagen, dass alles in bester Ordnung ist, um es zum Beispiel vor einer schwierigen Situation zu schützen funktioniert nur sehr bedingt. Denn innerlich spüren diese Kinder IMMER, das etwas nicht in Harmonie ist. Auch wenn das im Aussen anders dargestellt wird. Das Kind fängt als erstes nicht an, am Aussen sondern an sich selber zu zweifeln. Es hat das Gefühl, dass es falsch wahr nimmt, überreagiert, nicht richtig ist. Kinder beziehen Gefühle und Emotionen, die sie wahr nehmen immer auf sich. Sie können noch nicht differenzieren.

Deshalb finde ich es wichtig, als Eltern von hochsensiblen Kindern authentisch zu bleiben und ihnen nichts vorzumachen.

Hochsensible Kinder wollen von ihren Mitmenschen und Eltern gesehen und ernst genommen werden. Unsere zentralen Aufgaben sollten sein:

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    Rückzug und Ruhe bieten, dann wenn sie es brauchen
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    Sie durch emotionale Höhen und Tiefen wertfrei begleiten
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    Ihnen einen Raum geben, um ihre feine Sinne zu entwicklen und erkunden
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    Ihnen die Möglichkeit bieten, einen gesunden Umgang mit den vielen Reizen, die auf sie einprasseln zu lehren
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    Ihnen die Zeit geben, die sie brauchen um Erlebtes zu verarbeiten
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    Sie so annehmen wie sie sind, mit all ihren wunderbaren Gaben
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    Sie nicht als Mimosen abstempeln

Ich werde von meinen Kindern immer wieder daran erinnert, dass sie ein liebevoller, klarer Spiegel meiner Selbst sind. So haben sie mich meinem inneren, sensiblen Kind näher gebracht als manch anderer. Das zu erkennen und daraus die eigenen Lehren zu ziehen, hin zu schauen, dem eigenen, inneren Kind gehör zu verschaffen, ihm Raum zu geben und es zu akzeptieren, wie es ist, ist ein sehr heilvoller Prozess für eine Mutter, einen Vater und das ganze Familiensystem.

Fragst du dich gerade, ob dein Kind hochsensibel ist oder nicht?

 Hier gibt es ein paar Fragen, die dir Aufschluss darüber geben können.

Über die Autorin

Tanja Suppiger ist 38 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und drei Kindern im Luzerner Seetal in der Schweiz. Seit Anfang 2016 bietet sie mit HerzBauchWerk Begleitungen und Coachings für hochsensible Schwangere, Gebärende, Mütter und Frauen an. Nebenbei schreibt, malt und bloggt sie leidenschaftlich.

Am 15. Januar 2018 startet ein elfwöchiger IntensivOnlineKurs zum Thema „Entdecke deine Hochsensibilität als PowerTool“, welcher speziell auf die Bedürfnisse von hochsensiblen Frauen und Müttern abgestimmt ist, um in Ruhe von zu Hause aus die eigene Hochsensibilität kennen und lieben zu lernen. Mehr Infos zum Kurs gibt es hier.

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