13. März 2018

Was tun, wenn Kinder sich in kleine Wutmonster verwandeln?

Passend zu unserem Monatsfokus "Schaue hinter deine Wut" gibt es heute einen Gastartikel von der Kinderbuchautorin Sandra Schindler zum Thema "Wut".

Ich übergebe das Wort nun an Sandra:

Wut. Ein Thema, das alle Eltern immer wieder beschäftigt. Mal ist es die eigene, mal die der Kinder. Wie man die eigene Wut durch mehr Gelassenheit ersetzt, darüber habe ich hier bereits geschrieben.

Heute geht es um negative Emotionen wie die Wut bei Kindern.

Wie ist das eigentlich mit „negativen“ Emotionen?

Ich habe als Erwachsene erst lernen müssen, dass alles, was ich als negativ empfinde, nichts mit den vermeintlichen Auslösern zu tun hat.

Egal, ob das jetzt der Partner ist, die Frau, die mir den Parkplatz weggeschnappt hat – oder der Mann aus dem Call-Center, der mich zum Telefon gescheucht hat, um mir irgendwas zu verkaufen, was ich sowieso nicht brauche. Sie alle sind nicht der Auslöser. Ich selbst bin der Auslöser.

Ich habe ein Problem – und suche ein Projektionsventil.

Mein Partner hat vielleicht schlechte Laune gehabt – und erst wenn ich ganz genau hinschaue, wird mir klar, dass ich diejenige war, die zuerst schlechte Laune hatte – er hat sie nur gespiegelt.

Die Parkplatzfrau konnte mir nur deshalb den Parkplatz wegschnappen, weil ich mal wieder viel zu spät losgefahren bin.

Meine Wut auf sie ist eigentlich die Wut auf mich selbst, weil ich es wieder mal nicht geschafft habe, rechtzeitig loszufahren.

Und der Callcenter-Mann?

Der reagiert auf meine Angst, dass ich mir von irgendjemandem etwas aufschwatzen lasse, weshalb mich solche Anrufe aggressiv machen. Außerdem hat er mich „umsonst“ zum Telefon gescheucht. Wirklich?

Nun, man kann das auch aus einem anderen Blickwinkel sehen, nämlich: Er ist da, damit ich endlich begreife: Keiner kann mir etwas aufschwatzen, wenn ich es nicht will. Und das Aufstehen, um zum Telefon zu laufen, war super, weil ich schon wieder stundenlang reglos vor dem Computer gehockt habe und die Bewegung dringend brauchte.

Der Grund hinter der Wut

Tja, und genau so ist es bei Kindern ja auch. Irgendeinen Grund hinter der Wut und der schlechten Laune gibt es immer. Doch man muss ihn suchen. Und das ist am Anfang wirklich noch sehr schwer. Da braucht es achtsame Eltern, die nicht auf die kindlichen Trigger reinfallen. Trigger wie z. B.:

1. Das wütende Kind schreit den Rest der Familie scheinbar grundlos an und knallt dann seine Zimmertür hinter sich zu, um sich zu verschanzen.

2. Das wütende Kind sagt zu Mama, Papa oder Schwester: „Ich hasse dich!“

3. Mit ganz viel Wut im Bauch geht das Kind auf Zerstörungskurs: Alles, was ihm in den Weg kommt, wird auf den Boden geschmissen oder kaputtgemacht.

Was tun?

Vor allem: Cool bleiben und sich daran erinnern, dass selbst Wut, die direkt auf dich gerichtet ist, nicht mehr mit dir zu tun hat als: Du warst gerade da, dein Kind vertraut dir – da kriegst du es eben ab, wenn du nicht rechtzeitig aus dem Wutzielbereich verschwindest.

Es ist sehr schwer, die Emotionen des eigenen Kindes nicht zu spiegeln, sich nicht anstecken zu lassen von der Wut, die so gerne auf den Rest der Familie überschwappen würde. Aber es funktioniert. Wie?

Folgende Strategien haben sich bei mir bewährt:

1. Essen

Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich werde extrem unleidlich, wenn ich Hunger habe. Warum sollte das bei Kindern anders sein? Oftmals reicht schon ein kleiner Snack zwischendurch, um den Unterzucker verschwinden zu lassen und die schlimmsten Spannungen abzubauen.

2. Liebe und Verständnis

Es hilft dem wütenden Kind so sehr, wenn es weiß, dass auch die Eltern solche Gefühle haben. Immer und immer wieder. Und dass Wut normal und vollkommen in Ordnung ist. Vielleicht weißt oder ahnst du den wahren Grund, weshalb dein Kind so wütend geworden ist. In dem Fall kannst du ihm vielleicht von einer ähnlichen Situation erzählen, in der du selbst wütend warst. Wie hast du dich dabei gefühlt? Und was hast du getan, um deine Wut abzubauen?

3. Rausgehen

Wenn mir alles zu viel wird, öffne ich die Terrassentür und verschwinde eine Stunde im Wald. Und ich bin noch nie wütend aus dem Wald zurückgekommen. Das geht vermutlich allen Menschen so, weil der Wald bzw. die Natur einfach die größten und kompetentesten Seelentröster sind. Also, wenn ihr die Chance habt, schnappt euch das kleine Wutmonster doch einfach – und entdeckt mit ihm die Wunder der Natur. Ja, die Ablenkung hilft auch, das Kind zu beruhigen, aber es ist vor allem die beruhigende Atmosphäre von allem, was dort lebt, die den Großteil der Beruhigungsarbeit leistet.

4. Rückzug erlauben

Wenn Kinder richtig wütend sind, wollen sie niemanden, der sie aus ihrer Wut herausholt. Zumindest nicht sofort. Sie wollen wütend sein – wie wir Erwachsene auch, wenn wir uns so richtig schön in eine Emotion reinsteigern. Ich bestärke meine Kinder darin, sich in ihrer Wut zurückzuziehen – aber ich entlasse sie immer mit dem Wissen, dass sie jederzeit zu mir kommen können, wenn sie meine Nähe brauchen und zulassen wollen.

5. Nähe

Manchmal brauchts die Distanz nicht. Da hilft Empathie am allerbesten – gepaart mit einer herzlichen, verständnisvollen Umarmung. Meine Tochter sagte mal zu mir: „Mama, wenn ich wütend bin, will ich eigentlich immer in den Arm genommen werden. Aber ich kann es in dem Moment nicht sagen.“ Und das trifft sicher auf viele Kinder zu. So etwas lässt sich in einer wutfreien Minute gut abklären, damit man weiß, wie man als Eltern beim nächsten Wutanfall verfahren soll …

Irgendwann ist die Wut verpufft – und es ist Zeit, mit dem Kind zu reden und zu reflektieren. Was hat das Kind für den Grund der Wut gehalten – und was war der wahre Grund dahinter?

Ich finde es so wichtig, dass Kinder Folgendes wissen:

War ich so wütend, weil mich heute ein anderes Kind geärgert hat? War ich so gemein meiner Schwester gegenüber und wollte sie nicht mitspielen lassen, weil man mich selbst im Kindergarten ausgegrenzt hat? Als ich geschrien habe, dass ich meine Eltern hasse, war das vielleicht nur, weil ich mich in dem Moment selbst gehasst habe für etwas, wovon ich dachte, dass es wirklich, wirklich schlimm ist?

Es ist so wichtig, den Grund hinter der Wut zu kennen, um dem Kind seine Ängste zu nehmen (die ja die eigentlichen Auslöser der Wut sind) und zu verhindern, dass es sich Dinge einredet, die gar nicht wahr sind (dass es hässlich ist, weil jemand in der Schule das zu ihm gesagt hat zum Beispiel). Ersetze gemeinsam mit dem Kind die Angst hinter der Wut durch Liebe – und alles wird gut!

Eine kleine Anekdote aus unserem Familienleben. Einmal war ich abends schon sehr müde und stieß mir im Halbschlaf das Bein an der Kante der Spülmaschine an. „Au. Scheiße!“, schrie ich. (Ja, bei uns sagt man Scheiße. Das ist menschlich. Warum jeder Scheiße sagen sollte, das steht hier. )

Meine Tochter Maxi sofort mitfühlend: „Bist halt `n bisschen müde ...“

Daraufhin Mini: „Bist du auf mich sauer?“

Ich: „Nein, natürlich nicht.“

Mini: „Bist du auf dich selbst sauer?“

Ich: „Vielleicht ein bisschen!“

Mini: „Du darfst nicht so sauer auf dich selbst sein, du musst dich selbst liebhaben, sonst wirst du nur noch viel saurer!“

Und genau so ist es. Wut läuft früher oder später doch immer auf Unzufriedenheit mit sich selbst hinaus. Wer das seinen Kindern schon früh beibringt, legt einen Grundstein dafür, dass sie später über sich selbst reflektieren und dann auch entsprechend handeln können.

Das erspart ihnen den mühsamen Selbstfindungsprozess – oder beschleunigt ihn zumindest sehr.

Petra hatte mich gefragt, ob ich zum Thema passende Bücher kenne. Leider nein. Ein bedürfnisorientiertes Buch mit der Botschaft, die ich dir hier geschrieben habe, gibt es meines Wissens noch nicht. Ich könnte eins schreiben. Wenn ein Publikumsverlag auf mich zukommt und eins bestellt, mach ich das gerne, denn ein solches Buch fehlt definitiv noch auf dem Markt.

Wir hatten 2 „normale“ Bücher zum Thema Wut:

„Wenn kleine Tiere wütend sind“ von Regina Schwarz ist ein guter Startpunkt für ein Gespräch über Wut, weil dem Kind vermittelt wird: Alle fühlen manchmal Wut, sogar die Tiere. Das ist völlig normal und in Ordnung.

„Das kleine Wutmonster“ von Britta Schwarz bekämpft die Wut, ignoriert sie bzw. singt sie weg. Mein Ansatz wäre ein anderer. Egal, welches Gefühl dich beutelt: Wenn du willst, dass es dich loslässt, musst du es akzeptieren, anstatt es zu bekämpfen.

Beide Bücher haben uns dennoch gut gefallen. Sie lösen das Problem nicht, aber sie sind ein guter und unterhaltsamer Weg, es zusammen mit den Kindern anzugehen.

Viel Erfolg beim gemeinsamen Eintauchen in die Welt der Emotionen wünscht euch

Kinderbuchautorin Sandra Schindler

Über die Autorin


Sandra arbeitete als Übersetzerin und Lektorin, bevor sie selbst mit dem Schreiben begann. 2016 erschien ihr erstes Buch, „Der kleine Milchvampir“, 2017 folgte „Flim Pinguin im Kindergarten“. Zum Schreiben inspiriert wurde sie durch ihre beiden Töchter. Mehr über Sandras aktuelle Projekte hier.

Fotografin Ruth Frobeen

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Elisa - 14. März 2018 Kommentiere

Hallo,
mir hat folgendes eBook schon mal ganz gute Abhilfe geleistet. Ich möchte es anderen Eltern gern weiter empfehlen:

https://poesis-institut.de/6-wut-tipps-fuer-eltern/

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