13. Dezember 2018

Was du im Umgang mit (hoch)sensiblen Kindern beachten solltest

​Das ist ein Gastbeitrag von Karoline Sylla. Du kannst mehr über sie in der Autorenbox am Ende des Artikels erfahren. Jetzt übergebe ich das Wort an Karoline:

Es ist Montagmorgen und meine Laune ist schon im Keller. Meine fünfjährige Tochter findet schon wieder nichts zum Anziehen.

Die Hose zwickt am Bauch, der Pulli kratzt total und das Kleidchen ist doch richtig blöd.

Eigentlich sollten wir in zehn Minuten beim Kindergarten sein, doch Madame findet einfach nicht die passenden Klamotten. Und meine kleine Dreijährige springt auch noch in der Unterhose herum.

Ich merke, wie ich langsam sauer werde. Immer das gleiche! Warum kann meine Große nicht einfach irgendwas anziehen? Warum muss ​alles immer so schwierig sein?

Ich fange an, mir Gedanken darüber zu machen, was ich nur falsch gemacht habe mit meiner Erziehung. Die anderen Eltern haben doch auch keine solchen Probleme, oder?

Naja, ich habe da halt ein empfindliches Pflänzchen. Ich versuche alle meine Geduld und Ruhe zusammen zu nehmen, doch als auch die Socken nun von der Farbe nicht zur Hose passen, flippe ich aus. Ich schreie meine Tochter an, ob sie eigentlich weiß, dass wir in zehn Minuten im Kindergarten stehen müssen und was eigentlich ihr Problem mit der Kleidung sei.

Dadurch wird die Situation natürlich auch nicht besser. Meine Tochter raunt „Blöde Mama“ und fängt an zu heulen. Ich fühle mich auch ganz schlecht, weil ich die Fassung verloren und sie angebrüllt habe. Das wollte ich eigentlich nicht.

Sie ist ja sowieso schon recht sensibel und auch schnell überreizt. Da ist es natürlich nicht besonders hilfreich, wenn sie auch noch meine volle emotionale Wucht abbekommt.​

Ist mein Kind hochsensibel, wenn es ​so reagiert?

​Wenn Dein Kind sehr oft überreizt und (hoch)sensibel reagiert, könnten verschiedene Ursachen dahinter stecken. Wenn Du Dir Sorgen darüber machst, kannst Du den Kinderarzt oder eine andere Vertrauensperson darauf ansprechen.

Es gibt auch einen Selbsttest der Psychologin Elaine N. Aron, den Du hier findest.

​Warum reagieren (hoch)sensible Kinder so?

Die Hochsensibilität ist eigentlich eine Hochsensitivität. Das bedeutet, dass innere und äußere Impressionen vom Kind intensiver wahrgenommen werden.

Innere Vorgänge sind Gedanken und Gefühle. So machen sich hochsensible Kinder oft sehr viele Gedanken über sich selbst, wie es nach außen wirkt und was es wann wie gut oder schlecht gemacht hat.

Morgens kann es auch sein, dass das hochsensible Kind noch sehr stark mit seinem Traumgeschehen beschäftigt ist und dieses noch in ihm/ihr nachklingt. Diese inneren Vorgänge werden oft länger und stärker stattfinden, als bei Gleichaltrigen.

Mit äußeren Impressionen sind die Sinneswahrnehmungen gemeint. So riechen, sehen, hören, schmecken, fühlen hochsensible Kinder oft intensiver als andere.

Das kann natürlich sehr schön für das Kind sein, weil es die Welt viel bunter und kraftvoller erlebt.

Wenn es allerdings zu viele äußere Reize werden, wie in der Stadt, im Kindergarten, vorm Fernseher, in der Schule oder in großen Menschenansammlungen, reagieren die Kinder häufig überreizt oder ziehen sich innerlich zurück.

Was brauchen hochsensible Kinder von ihren Eltern?

Hochsensible Kinder brauchen achtsame Eltern. Denke bitte daran: Hochsensibilität ist keine Krankheit nach der ICD (International Classification of Diseases), sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.

Manche sprechen auch von einer Sonderform der Hochbegabung! Denke nicht zu viel darüber nach, wie andere Kinder oder Eltern so sind.

Es bringt Dir nur Unfrieden, Dich und Dein Kind mit anderen zu vergleichen.

Versuche die Empfindsamkeit Deines Kindes als Geschenk zu sehen. Hochsensible Kinder haben häufig einen sehr ausgeprägten 6. Sinn.

 Häufig wird die Hochsensibilität auch von den Eltern an die Kinder weiter gegeben. Wenn Du also das Gefühl hast, dass es auch auf Dich zutreffen könnte, könntest Du auch hier den Selbsttest machen:

Fünf Tipps zum Umgang mit hochsensiblen Kindern

1. Wenn Du merkst, dass es Deinem Kind zu viel wird in einer Gruppe von Menschen, dann zeige als erstes Verständnis für Dein Kind. Sage: „Ja, ich verstehe Dich“ zu Deinem Kind. Versuche nicht, Deinem Kind die Wahrnehmung auszureden.

Meine Tochter sagt oft zu mir: „Mama, ich will heim.“ Dann nehme ich sie auf den Schoß und streichle sie und schütze sie vor den Außenreizen, indem sie sich an mich hinkuscheln kann und ich sie umarme. Anschließend spüre ich auch in mich hinein, ob ich nicht auch lieber heim möchte. Dann gucke ich, ob wir wirklich bald gehen können, oder ob wir noch bleiben müssen. Das erkläre ich ihr dann.

2. Im Kindergarten ist es wichtig, dass das Kind einen Raum zum Rückzug hat. Je nachdem ob das Kind bei Überreizung lieber allein ist, oder kurz angefasst werden möchte (zum Beispiel Hand auflegen am Schulterblatt), solltest Du mit den Erziehern reden und ein Vorgehen besprechen.

Schimpfen oder große Zurechtweisungen sind nämlich kontraproduktiv und verstärken die Überreizung des sensitiven Kindes nur.

3. Wenn Dein Kind dich ärgert, oder nicht das tut, was Du möchtest, verschärfe Deinen Tonfall und spiele „sauer“, bevor Du richtig sauer wirst. Dann merkt Dein Kind, dass Du bald richtig sauer wirst, aber es spürt noch nicht die ganze emotionale Wucht.

4. Gewöhne Dir an, Ansagen klar auszusprechen. „Zieh jetzt Deine Hose an!“ Beim ersten Mal freundlich, doch schon beim zweiten Mal mit Strenge. Wenn Du nicht gerne streng bist, dann spiele streng, gerne auch mit einem Augenzwinkern. Hochsensible Kinder reagieren dann viel schneller auf Deine Anweisungen.

5. Erkläre Deinem Kind in einer ruhigen Minute, welches Verhalten Du Dir von ihm/ihr wünschst. Verwende dabei klare positive Ich-Botschaften ohne das Wort „nicht“ zu verwenden. Zum Beispiel: „Ich wünsche mir, dass Du Dich morgens schnell anziehst.“ „Ich freue mich, wenn Du morgens die ausgewählten Klamotten einfach anziehst.“ Wenn Dein Kind dann morgens wieder Theater macht, erinnere sie/ihn an die getroffenen Vereinbarungen. Erst in sanften Ton und dann mit gespielter Strenge.

Hochsensibilität in der Schule

In der Schule ist es manchmal so, dass hochsensible Kinder wirken, als hätten sie ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom), weil sie sich bei Überreizung häufig in sich selbst zurückziehen und unaufmerksam wirken.

Außerdem machen sich sensitive Kinder sehr viele Gedanken über die Gefühle, Stimmungen und Handlungen der Klassenkameraden und der Lehrerin. Daher ist es wirklich hilfreich mit den Lehrern über die Hochsensibilität des Kindes zu sprechen.

Was Kindern in der Schule hilft sind klare Regeln, wiederkehrende Rituale und Raum für sich. Klare Regeln und Rituale sind aus meiner Erfahrung meist in jeder (Grundschul-)klasse ein sehr wichtiger Bestandteil des Unterrichts.

Wie der Raum für das hochsensible Kind gestaltet werden kann, solltest Du mit dem Lehrer besprechen. Vielleicht gibt es Ohrenschützer, die das Kind bei Bedarf aufsetzen kann. Oder es gibt eine Leseecke, wo sich das Kind bei Überreizung zurückziehen kann und sich dort vielleicht unter einem gelben oder orangen Tuch (das es immer in der Schultasche hat) verstecken kann. Gerne auch in Kombination mit dem Ohrenschutz.

Was genau deinem Kind am besten hilft, weißt Du bestimmt am besten, denn Du bist der Experte für Dein Kind.

Wenn Du Dir unsicher bist und Dir Unterstützung wünschst, kontaktiere mich gerne. Da ich selbst sensitive Lehrerin bin, kann ich Dich beraten, wie Du das Gespräch mit dem Lehrer Deines Kindes am besten führst. Zusätzlich kann ich euch weitere Tipps geben für eine möglichst entspannte Schulzeit.

Über die Autorin


Hallo, ich heiße Karoline Sylla und bin Lehrerin, Eltern-Coach, Heilpraktikerin für Psychotherapie und zweifache Mama. Ich helfe Eltern mit (hoch)sensiblen Kindern dabei, den Familienalltag harmonischer zu gestalten und unterstütze sie bei Schulproblemen.

Du findest mir auf: Sternchen auf Erden

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