Entthronungstrauma: Was ist das

Die ersten Monate nach der Geburt eines ersten oder auch weiteren Geschwisterchens bringen viele Veränderungen für dein Erstgeborenes bzw. deine älteren Kinder. Gerade für die Erstgebornen ist es ein Schock - ein Entthronungstrauma - weil es jetzt nicht mehr der Mittelpunkt der elterlichen Aufmerksamkeit ist und es mit dem Geschwisterchen teilen muss. 


Manchmal sogar mehr als teilen, wenn das Baby viel schreit oder quenglig ist.


Diese Zeit kann eine emotional sehr aufwühlende Phase für dein Erstgeborenes oder deine älteren Kinder sein. Meine Betonung liegt auf KANN. Es muss nicht sein - jedes Kind reagiert anders auf diese neue Situation.


Ich habe meine Tochter sehr gut auf die neue Situation vorbereitet und sie von Anfang an mit einbezogen - und trotzdem hat sie sich sehr schwer getan mit der neuen Situation und war stark eifersüchtig - was ich in dem Ausmaß nicht erwartet hätte.


Andere Mütter haben von ihrem Kind gedacht, dass es schwierig werden könnte nach der Geburt und die Kinder haben es problemlos weggesteckt.


Du kannst also nicht sagen, welche Gefühle sich in deinem Erstgeborenen entwickeln werden. (Falls es bei euch Eifersucht ist, dann gibt es zusätzlich noch diesen Artikel: Eifersucht Geschwister )


Entthronung aus der Sicht deines Kindes:


Wenn dein Kind sich mit der Veränderung sehr schwer tun sollte, dann ist dein Verständnis äußerst wichtig!


Dieses Verständnis für die Situation deines Erstgeborenen oder deiner älteren Kinder möchte ich durch einen Perspektivenwechsel verstärken - die Sätze sind aus Sicht der Kinder geschrieben:

1.

Mama kuschelt und spielt plötzlich noch mit einem anderen Baby richtig oft – hat sie mich jetzt weniger lieb? Mama und Papa schenken mir weniger Aufmerksamkeit – bin ich ihnen nicht mehr wichtig, jetzt wo sie ein neues Baby haben?

2.

Sie verbringt so viel Zeit mit dem Baby aber nicht mit mir. Früher haben wir so viele schöne Dinge gemacht und viel mehr gekuschelt. Heute muss ich oft lange warten, bis wir etwas Gemeinsames machen, weil vorher noch das Baby gestillt, gewickelt oder getröstet werden muss - das macht mich traurig.

3.

Ich soll immer Rücksicht auf das Baby nehmen und die Große sein, was ich gar nicht sein will. Aber das Baby darf herumschreien und unsere gemeinsamen Spiele bzw. unsere Vorlesezeit unterbrechen. Das macht mich so wütend.

Erstgeborene Probleme: Versuche dein Kind zu verstehen


Stell dir vor:

(wenn du ein Mann bist, dann drehe das Szenario einfach um)

Dein Mann bringt eines Tages eine neue Frau mit nach Hause.


Er ist ganz begeistert von ihr und widmet ihr seine meiste Zeit. Ab und zu gibt er dir ein wenig Aufmerksamkeit. Wenn die andere ihn aber ruft, rennt er sofort zu ihr.


Außerdem gibt dein Mann der neuen Frau deine Bücher „die brauchst du doch nicht mehr, hast sie ja schon gelesen“ und einige deiner Kleidungsstücke „die passen dir doch nicht mehr“. Außerdem verlangt er von dir, dass du dein Smartphone, Tablet und Laptop mit der neuen Frau teilst.


Die Krone ist: Er will auch noch, dass du seine neue Frau liebenswert und süß findest und dich ganz fantastisch mit ihr verstehst!


Wie würdest du darauf reagieren? Vielleicht: „Geh zum Teufel!", "Da mache ich nicht mit!" oder "Entweder sie oder ich!“


Du siehst schon

So einfach kann diese Veränderung mit neuem Baby nicht sein für ein Kind. Aber jede Krise enthält auch eine Wachstumschance für dein Kind. Mehr darüber hier.


Wie du das Entthronungstrauma abschwächst:

Situation:

Gerade in der Anfangszeit hat die Mutter für ihr Erstgeborenes viel weniger Zeit und Körperkontakt als zuvor - das kann Trauer oder Wut beim älteren Kind nach sich ziehen.

Lösung:

Zeige deinem Kind, dass es seinen Platz in deinem Herzen nicht verloren hat. Schenke ihm immer wieder einen liebevollen Blick und ein herzliches Lächeln und nimm es immer wieder in den Arm oder auf deinen Schoß – gerade auch dann, wenn dein Kind sich „negativ oder anstrengend verhält“, denn dann braucht es deine Nähe besonders. Wenn sich eine 1:1 Zeit mit deinem großen Kind irgendwie in deinem Alltag umsetzen lässt, dann ist das auch sehr wertvoll für dein älteres Kind.

Situation:

Das Erstgeborene /die älteren Kinder standen bis jetzt im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dieser Fokus verschiebt sich jetzt auf das Baby - Gefühle der Wut oder Verzweiflung (dass man nicht mehr geliebt wird) könnten folgen.

Lösung:

Zeige deinem Kind deine Liebe wie in der vorherigen Lösung auch schon beschrieben.


Zusätzlich gibt es die verschiedensten Bilderbücher zu diesem Thema. Ich finde, dass viele dieser Bücher eine ungezwungene Möglichkeit schaffen, über die Veränderungen nach der Geburt eines neuen Geschwisterchens zu sprechen.


Die meisten Kinder wollen diese Bücher immer wieder anschauen. Und jedes Mal kannst du dir eine Stelle herausnehmen, bei der du noch etwas anderes erwähnst oder ihr darüber sprecht, wie das bei euch ist...


Das Buch: "Mama hat mich nicht mehr lieb" hat meine Tochter immer wieder anschauen wollen. Es geht darum, dass ein Mädchen Bauchschmerzen vorspielt, damit es wieder Aufmerksamkeit bekommt. Voller Sorge holen die Eltern die Kinderärztin, die das Spiel durchschaut und das Mädchen fragt, warum sie es vorspielt.


Das Mädchen meinte, dass seine Mama es nicht mehr lieb habe, seit das Baby da ist. Es kommt zu dicken Umarmungen und „Wir haben dich immer noch soooo lieb“ Szene. Nach dem Lesen des Bilderbuches konnten wir dann auch darüber reden, dass ich sie immernoch lieb habe, auch wenn ich gerade weniger Zeit für sie habe.

Situation:

Wegen Müdigkeit und Erschöpfung kann es passieren, dass du nicht mehr ganz so geduldig mit deinem Erstgeborenen / deinen älteren Kindern bist wie zuvor. Ängste, ob Mama und Papa es noch lieb haben, könnten entstehen.

Lösung:

Meiner Erfahrung nach ist es das Beste, dass, wenn du zu ungeduldig oder genervt wurdest, deinem Kind sagst, dass dein Verhalten nicht okay war und du es bedauerst. Dadurch nimmst du eine Last von deinem Kind: Es denkt nämlich oft, dass es seine Schuld ist, dass du so reagiert hast!

Situation:

Die Mutter kann nach der Geburt evtl. nicht mehr alles so machen wie zuvor. Z.B. kann sie die Große nicht mehr tragen. Trauer könnte die Folge sein.

Lösung:

Bei uns hat offenes Ansprechen des Problems und Erklärungen, warum es so ist, geholfen. Außerdem habe ich danach betont, dass ich sie zwar im Moment nicht mehr tragen kann, aber sehr wohl noch mit ihr im Sitzen kuscheln kann – und das haben wir dann immer gemacht, wenn sie von mir getragen werden wollte.

Situation:

Das Schreien vom Baby unterbricht ganz schnell gemeinsame Spiele bzw. die Vorlesezeit. Da kann das Erstgeborene / die älteren Kinder schon mal wütend werden.

Lösung:

Die Wut akzeptieren und dein Verständnis ausdrücken, dass das schon ärgerlich ist, wenn man ständig unterbrochen wird. Falls dein Kind auch viel weint oder schreit, dann könnte es dich auch (unbewusst) testen mit der Frage: Liebst du mich immer noch, wenn ich genauso wie das kleine Baby schreie? Daraufhin ist es am besten so zu reagieren, wie bei dem Baby - in den Arm nehmen und trösten bis es aufhört zu weinen.

Situation:

Beim Stillen sind sich Mutter und Baby so nahe. Das könnte Verlustängste hervorrufen.

Lösung:

Wir haben dann die Vereinbarung getroffen, dass die Große nach jedem Stillen eine Kuschelzeit auf meinem Schoß bekommt (da war dann das Baby ruhig und zufrieden).

Situation:

Das Erstgeborene / das jüngste Kind ist plötzlich von "klein" zu "groß" geworden. Obwohl es vielleicht auch noch gerne klein sein möchte und traurig darüber ist, nun groß zu sein.

Lösung:

Nimm dein Kind viel in den Arm und blicke es mit liebevollen Augen an. Sage deinem Kind des Öfteren, dass du es immer lieb hast, auch wenn du einmal wütend bist oder mit ihm schimpfst. So merkt dein Kind: Ich bin nicht nur die Große – sondern: ich bin geliebt.


Wenn dein Kind wieder klein sein will, dann lass dies zu. Es wird nun öfter zwischen „ich bin klein“ und „ich bin doch schon groß“ hin und her schwanken und das erfordert ein bisschen Fingerspitzengefühl von dir: Manchmal will dein Kind bemuttert werden und ein anderes Mal (in der gleichen Situation) es ganz alleine machen. Lass diese Schwankungen zu.

Jetzt bist du dran

Suche dir ein bis zwei Situationen aus dieser Problem - Lösung - Liste aus und setze sie in deinem Alltag um. Schreibe es dir zur Erinnerung in deinen Kalender oder schreibe es auf eine Karte und hänge diese an deine Pinnwand.


Willst du dich näher mit dem Thema Geschwister, ihre Konflikte erfolgreich begleiten und die Geschwisterbeziehung verbessern beschäftigen, dann empfehle ich dir meinen Kurs "Weniger Konflikte unter Geschwister"


Was dir der Kurs bringt:

  • Du begleitest den Geschwisterstreit deiner Kinder souverän und wertschätzend.
  • Du zeigst deinen Kindern, wie sie Konflikte auf gleichberechtigter Ebene lösen können - NICHT nach dem Motto: Der Stärkere gewinnt.
  • Du hast einen Plan, wie du nachhaltig positiv auf die Geschwisterbeziehung deiner Kinder einwirkst.
  • Du verspürst mehr Sicherheit und innere Ruhe im Umgang mit Geschwisterkonflikten.
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