Autorin: PetraErzieherin • Nanny • Mama • 20 Jahre Alltagserfahrung in und mit Familien

Januar 9, 2024

Spielen ist kein Zeitvertreib – es ist die natürliche Lernsprache deines Kindes. Dein Kind spielt nicht, um beschäftigt zu sein. Es spielt, weil es spielerisch lernt – ganz von sich aus, mit seinem ganzen Körper, seinen Gefühlen und seiner Neugier.


Vielleicht kennst du trotzdem diese Unsicherheit im Alltag: Ob dein Kind „genug lernt". Ob du es mehr fördern solltest. Ob andere Kinder schon weiter sind. Gerade dann, wenn dein Kind scheinbar „nur spielt", während um dich herum von Lernzielen, Förderung und Vorbereitung die Rede ist.


Dabei ist spielerisches Lernen die ursprünglichste und wirksamste Form des Lernens. Dein Kind braucht dafür keine Anleitung und kein Programm, sondern Raum, Zeit und Beziehung.


Im Spiel trainiert dein Kind ganz selbstverständlich Fähigkeiten, die für seine emotionale, soziale und kognitive Entwicklung grundlegend sind: Konzentration, Problemlösefähigkeit, Selbstwirksamkeit, Kreativität und innere Stabilität.


In diesem Artikel erfährst du, warum die Grundlagen für spielerisches Lernen deinem Kind bereits innewohnen, was dein Kind konkret braucht, um im Spiel wirklich lernen zu können, welche Fähigkeiten es ganz nebenbei durch Spielen entwickelt, und wie du spielerisches Lernen im Alltag konkret förderst – ohne extra Lernumgebung, einfach im gemeinsamen Alltag.


Spielerisch Lernen: Warum die Grundlagen für Entwicklung deinem Kind bereits innewohnen

Lernen durch spielen macht dein Kind ganz automatisch. Das muss ihm niemand zeigen oder beibringen.


Dein Kind besitzt alle Fähigkeiten, um zu lernen - von Geburt an.

Die wichtigsten Zutaten für eine erfolgreiche Entwicklung sind dem (gesunden) Kind innewohnend:

  • die Neugierde - bestimmt konntest du dein Kind schon beobachten, wie es einen neuen Gegenstand fasziniert untersucht hat. Wahrscheinlich kennst du auch das Szenario, dass du für einen 500m langen Weg eine halbe Stunde brauchst, weil dein Kind viele interessante Dinge entdeckt: Es wird hier ein Stein entdeckt und dort eine Blume gepflückt und untersucht. Hier ein Erdloch bestaunt und dort ein Grashalm befühlt. Diese Neugierde treibt dein Kind an, immer wieder Neues zu erfahren und zu lernen.
  • die Sinneswahrnehmungen - mit den Sinnen erfährt dein Kind in jedem Augenblick die Welt und sie geben deinem Kind einen Lernimpuls nach dem anderen.
  • die Fantasie - damit entwickelt dein Kind selbständig immer neue Lernerfahrungen. Das beste Beispiel dafür sind die Rollenspiele, in denen Tücher zu Fahnen und Steine zu Schätzen werden und damit z.B. Piraten gespielt wird. Dein Kind schlüpft in andere Rollen und versucht sich in Verhaltensweisen, die es zuvor bei anderen Menschen beobachtet hat.
  • die Ausdauer - sie hilft deinem Kind sich in immer längeren Abschnitten auf eine Sache einzulassen, tiefer in ein Spiel einzutauchen und Dinge genau bzw. bis ins Detail zu betrachten. Die Ausdauer ist es auch, die dein Kind immer wieder aufstehen lässt, wenn es laufen lernen will!

Was Kinder brauchen, um im Spiel lernen zu können

In den ersten sieben Jahren lernen Kinder vor allem dadurch, dass sie (vertraute) Menschen beobachten und sie im Spiel nachahmen.

Was Kinder brauchen um im Spiel lernen zu können:

  • Um erfolgreich Lernen zu können, brauchen Kinder andere ihnen nahestehende Menschen. Die Bindung zu ihnen lässt den Wunsch entstehen, ihnen nachzueifern und es ihnen im Spiel nachzumachen. (Um die Bindungung zu festigen, ist es von Vorteil, wenn du in dir ruhst und dadurch gelassen im Alltag mit deinem Kind bist. Dabei helfen dir die Mini-Auszeiten und das Buch "Happy mum - happy child")
  • Kinder lernen beim Spielen über Versuch und Irrtum. Es wird so lange geforscht, bis ein Weg zum Erfolg führt. Deshalb brauchen Kinder Zeit für diese "Fehlschläge" und dem dazugehörigen Ausprobieren. Du musst nicht sofort eingreifen, um ihm zu zeigen wie es geht!
  • Weiterhin lernen Kinder im Spiel über die Auseinandersetzung mit Dingen, Problemen und Fragen. Sie erforschen neue Gegenstände und schauen sie sich bis ins Detail an. Wenn sie ein Problem haben (Turm stürzt immer ein) dann versuchen sie, einen Weg zu finden, sodass das Problem beseitigt wird (Turm bleibt stehen). Somit brauchen Kinder Dinge und Spielsachen, die sie faszinieren und mit denen sie sich gerne Auseinandersetzen. Ganz oft sind das Dinge, Materialien, die eh im Garten oder im Haus sind und keine gekauften Spielsachen!
  • Kinder lernen im Spiel durch Wiederholungen. Sie fordern diese Wiederholungen im Alltag auch immer wieder ein: ein Bilderbuch muss eine Woche lang angeschaut werden oder ein Spiel wird immer wieder gespielt. Kinder wiederholen Erfahrungen so lange, bis sie eine Fertigkeit gefestigt, etwas gelernt oder mit etwas Erfolg hatten. Aus diesem Grund brauchen Kinder die Möglichkeit, sich mit gleichen Dingen immer wieder zu beschäftigen und nicht zu viel Abwechslung.
  • Kinder lernen im Spiel, in dem sie selbst bestimmen mit was und für wie lange sie mit einer Sache spielen. Ob das nun in der Natur draußen ist oder im "Als-ob"-Spiel zu Hause. (Ganz nebenbei: Das Als-ob-Spiel ist ein großer Entwicklungsschritt, weil sich das Kind nun Situationen vorstellen und auch Gegenständen eine andere Bedeutung zugestehen kann.) Somit brauchen Kinder Selbstbestimmung im Spielen. (Mehr über freies Spielen und dessen Bedeutung findest du hier).
  • Kinder lernen spielerisch am besten, wenn sie sich selbstbewusst mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Wie du das Selbstbewusstsein und sein Selbstwertgefühl deines Kindes stärkst, erfährst du in diesem Buch.
  • Nicht zuletzt lernen die Kinder im Spiel Unmengen durch ihre "Warum" Fragen, mit denen sie Erwachsene löchern. Aus diesem Grunde brauchen sie dein geduldiges Antworten.

(Anmerkung: Was Grundschulkinder brauchen, um erfolgreich Hausaufgaben zu machen, erfährst du hier)

Welche Fähigkeiten dein Kind in Alltagssituationen spielerisch entwickelt

Wenn dein Kind baut, rollenspielt, malt oder tobt – es trainiert dabei weit mehr, als du vielleicht auf den ersten Blick siehst.

Das lernt dein Kind im Spiel:

Emotionale und soziale Kompetenzen entstehen ganz nebenbei: Im Rollenspiel mit Geschwistern oder anderen Kindern übt dein Kind, Perspektiven zu wechseln, Konflikte auszutragen und sich wieder zu versöhnen.


Es lernt, Frustrationen auszuhalten – wenn der Turm umfällt oder das Spiel nicht so läuft, wie es sich das vorgestellt hat.


Es erlebt seine eigene Wirksamkeit und stärkt sein Selbstwertgefühl mit jedem „Ich habe das geschafft".


Kognitive Fähigkeiten wie Konzentration, Problemlösen und logisches Denken wachsen durch freies Spiel von selbst. Beim Bauen experimentiert dein Kind mit Gleichgewicht und Stabilität. Beim Versteckspiel trainiert es räumliche Vorstellung. Beim Erfinden neuer Spielregeln entwickelt es Kreativität und flexibles Denken.


Motorik und Wahrnehmung werden in jeder Spielform geschult: Greifen, Werfen, Balancieren, Hüpfen – dein Kind trainiert Fein- und Grobmotorik ganz spielerisch, ohne dass es sich wie Üben anfühlt.


Innere Stabilität und Selbstregulation entstehen, wenn dein Kind im Spiel Gefühle ausdrücken und verarbeiten darf. Ein Kind, das mit Bauklötzen aggressiv umgeht, weil es gerade wütend ist, versucht seine Gefühle zu regulieren. Je nach Stärke seiner Gefühle braucht es dich für die Co-Regulation. (Wie du deinem Kind dabei hilfst, lernst du im GefühlsRaum Videokurs.)

Wie du spielerisches Lernen im Alltag konkret förderst: 8 praktische Beispiele

Kinder beim Lernen zu unterstützen geschieht ganz nebenbei - ohne dafür eine extra Lernumgebung zu erschaffen. Nur indem du dich mit deinen Kindern beschäftigst oder sie an deinen Aufgaben teilhaben lässt, gibst du deinen Kindern jede Menge Lernimpulse und darüber hinaus stärkt es das Selbstwertgefühl deines Kindes.

Einige Lern-Beispiele aus Alltagssituationen

Wenn du dein Kind in deine Haushaltstätigkeiten miteinbeziehst, dann lernt dein Kind ganz wichtige Fertigkeiten:

  • Zielgerichtetes Arbeiten (Ziel: Krümelfreier Boden - dein Kind lernt z.B.nach mehrmaliger Wiederholung, dass es die Krümel unterm Tisch am besten rauskehren kann, wenn es die Stühle vorher wegstellt)
  • Dein Kind lernt viel über Ursache und Wirkung (z.B. wenn der Lappen zu nass ist, dann tropft er auf dem Weg zum Tisch und macht den Boden feucht)
  • Feinmotorik wird mit jedem Handgriff geübt und verbessert (z.B. wie schaffe ich es am besten, dass das Wäschestück am Wäscheständer hängen bleibt und nicht wieder runter fällt)
  • Abläufe werden gelernt und abgespeichert und beim nächsten Mal wieder hervorgeholt (z.B. beim Tisch decken: erst werden die Teller hingelegt und dann kommt das Besteck nebenhin)

Beim Vorlesen förderst du die sprachliche Entwicklung deines Kindes:

  • Ganz nebenbei lernt dein Kind die deutsche Grammatik
  • Dein Kind übt sich, Zusammenhänge in der Geschichte zu verstehen
  • Neue Wörter werden gelernt
  • Die eigene Ausdrucksweise wird gefördert, wenn ihr über die Geschichte oder die Bilder sprecht

Draußen zu spielen und zu erkunden gibt deinem Kind einen perfekten Rahmen, um selbstständig folgendes zu lernen:

  • balancieren
  • hüpfen, springen, rennen
  • Handstand, Purzelbaum und das Rad schlagen wird versucht
  • Dein Kind beGREIFT und lernt, dass es unterschiedliche Oberflächen gibt: samtiges Blatt, glattes Grashalm, raues Holz...
  • Namen für Vögel, Bäume, Blumen herauszufinden, indem dein Kind dich bei Interesse danach fragt

Beim Einkaufen bietet es sich an, ganz nebenbei das Zahlen- und Mengenverständnis zu "fördern" und ein Gefühl für Geld zu entwickeln

  • Kannst du bitte 3 Stück Butter in den Wagen legen
  • Pack bitte 5 Äpfel in die Tüte
  • Ich kaufe dir diese Zeitung nicht, aber du kannst sie gerne von deinem Geld im Sparschwein kaufen. Dafür müsstest du mir 3 Euro geben, dass sind 3 von den großen Münzen mit einem Silberring und einer 1 drauf.
  • Wenn Papa, du und dein Bruder jeder 2 Becher Joghurt wollen, wie viele Joghurts müssen wir dann in den Einkaufswagen legen?

Beim Sprechen/Erzählen lernt dein Kind ganz nebenbei:

  • die Regeln der Kommunikation (ausreden lassen, zuhören, auf Gehörtes reagieren...)
  • wie Dinge, die du erklärst, funktionieren (z.B. wie kommt das Wasser in den Feuerwehrschlauch)
  • wie du Situationen erlebst, was du fühlst und wie es dir geht (wenn du ihm das mitteilst) und dein Kind erfährt, dass das nicht unbedingt mit dem übereinstimmen muss, was es selbst erlebt
  • sich mitzuteilen, Gedanken verständlich zu machen
  • sich so auszudrücken, dass es verstanden wird

Beim Singen lernt dein Kind einiges:

  • seine Merkfähigkeit zu schulen (Kinder merken sich die Texte/Wörter oder die Bewegungen, die zum Lied gehören.)
  • seine Sprache weiterzuentwickeln (neue Wörter, Reimwörter oder Sätze)
  • sein Rhythmusgefühl auszubilden (mit Klatschen oder Instrumenten)

Mit Tischspielen und Puzzles wird freudvoll (meistens zumindest) gelernt:

  • dass es Regeln gibt, an die man sich halten muss (dass das gemeinsame Spiel klappt)
  • die Auge-Hand-Koordination zu verbessern (Auge und Hand müssen gut zusammenarbeiten, wenn ein Puzzle in das andere gesteckt werden soll)
  • sich zu konzentrieren und eine Sache zu Ende zu bringen
  • wie man mit dem Verlieren umgeht (das ist meistens ein längerer und zu Beginn kein freudvoller Prozess)
  • Farben und Würfelzahlen

Du kannst Kinder beim Lernen unterstützen, wenn du ihnen vermittelst:

  • dass du ihnen zutraust, etwas zu schaffen
  • dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen dürfen (und dabei auch Fehler machen erlaubt ist!)
  • dass du ihnen vertraust in dem, was sie im Moment lernen möchten (sein Interesse unterstützen)

Malen, Basteln, Schneiden und andere kreative Beschäftigungen sind prima Lernerfahrungen:

  • Wie muss ich die Schere und das Blatt halten, damit ich es schaffe, auf der Linie zu schneiden?
  • Wie mache ich es am Besten, das die Toilettenpapierrolle auf dem Blatt Papier klebt?
  • Was passiert, wenn ich die rote und die blaue Fingerfarbe vermische?

(Das freie Spiel ist ein so wichtiger Punkt in der Unterstützung des Lernens, dass ich in einem eigenen Artikel detailliert darauf eingegangen bin!)

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Hallo, ich bin Erzieherin, langjährige Nanny und zweifache Mutter. Seit über 20 Jahren begleite ich Familien durch den Alltag mit Kindern.

Auf „Klein wird GROSS“ zeige ich dir, wie du Wutanfälle, Geschwisterkonflikte, Routinen und all die anderen Herausforderungen im Familienalltag mit mehr Gelassenheit, Leichtigkeit und wertschätzender Verbindung meisterst. Meine Tipps verbinden eigene Mama-Erfahrung mit fundiertem Wissen aus Pädagogik und Selbstregulation.

Meine Mission: Gelassenheit und Freude im Familienalltag schaffen – damit Kinder Liebe und Wertschätzung in die Welt tragen und unsere Erde schöner wird.

Leserfeedback

„Danke für deine grossartige Arbeit. Ich fühle mich verstanden durch deine Texte. Ich fühle mich an die Hand genommen. Danke für deine grossartige Arbeit.“
Brigitte


„Deine Artikel über Selbstzweifel, Ärger, Stress und Wut waren sehr toll! Zu wissen, dass ich nicht alleine überfordert bin, ist eine grosse Hilfe. Ich hab deinen Blog bereits weiter empfohlen.“
Ines


„Ich muss Dir einfach mal eine grosse Umarmung schicken! Tausend Dank für Deine tollen Beiträge. Ich fühle mich verstanden und nicht alleine mit meinen Muttersorgen!“
Leserin von Klein wird GROSS


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  1. Liebe Petra, danke für die vielen wertvollen Tipps! Besonders wichtig ist mir auch, meinem Kind das Gefühl zu geben, dass er ALLES, was er sich im Leben vornimmt, schaffen kann. Das passt zu Deinem Punkt „Zutrauen“. Dass Freies Spiel wichtig ist, habe ich auch erst vor Kurzem erfahren. Bisher war ich der Meinung, dass ich mich intensiv mit ihm beschäftigen müsse, weil Zuwendung das allerwichtigste sei. Inzwischen machen wir es so: Mein Sohn spielt und ich schaue ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen oder reinzureden. Wenn er hochschaut, nicke und lächel ich. So weiß er, dass ich für ihn da bin, wenn er mich braucht.

    1. Liebe Jenniffer,
      ich denke beide Punkte „freies Spiel“ und „gemeinsames Spielen“ sind superwichtig für unterschiedliche Entwicklungsbereiche. Deshalb darfst du weiterhin auch mit deinem Kind spielen und ihm Zuwendung schenken und danach dich zurückziehen zum Beobachten – oder auch mal um einen Kaffee zu trinken :-)
      LG Petra

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