Perfektionismus bei Eltern ist weit verbreitet – ich war lange Zeit eine davon, ich tappe selbst jetzt noch immer wieder in die Perfektionismus-Falle.
Kennst du das auch, dass du immer alles zu 150% machen willst, du die höchsten Ansprüche an dich selbst hast, nur um dann im Alltag zu erkennen, wie du diesen Erwartungen an dich selbst nicht standhalten kannst und du einen inneren Druck verspürst.
Im Vergleich zu der perfekten Mutter oder dem perfekten Vater in deinem Kopf oder auf social Media, schneidest du „schlecht“ ab und zweifelst dann als Folge an dir und deinem Mutter-Sein oder Vater-Sein.
In diesem Artikel gehe ich darauf ein, was Perfektionismus bei Eltern überhaupt bedeutet, woran Eltern erkennen, dass sie perfektionistische Tendenzen haben, woher dieser Drang nach Perfektion kommt und welche Folgen er für Eltern und Kinder hat.
Außerdem zeige ich dir, was „gut genug Eltern sein“ konkret im Alltag bedeutet und wie du Schritt für Schritt lernen kannst, deinen inneren Kritiker leiser zu drehen. Du erfährst, wie du mit mehr Selbstmitgefühl auf dich schauen kannst, wie du mit Fehlern – deinen und denen deines Kindes – liebevoller umgehst und wie du ganz praktisch beginnst, den Druck loszulassen und zur Ruhe kommst, ohne dein Kind „im Stich zu lassen“.
Was bedeutet Perfektionismus bei Eltern überhaupt?
Wenn ich im online Duden nachschaue, was Perfektionismus bedeutet, dann steht dort "übertriebenes Streben nach Perfektion". (1)
Und unter Perfektion steht unter anderem: höchste Vollendung in der Beherrschung, Ausführung von etwas, vollkommene Meisterschaft. (2)
Somit bedeutet Perfektionismus: übertriebenes Streben nach höchster Vollendung in der Beherrschung, Ausführung von etwas.
Perfektionismus als Mutter oder Vater ist nicht erstrebenswert
Allein dieser Satz zeigt, dass Perfektionismus bei Eltern keine erstrebenswerte Sache ist, sondern übertrieben.
Gehen wir noch einen Schritt weiter, dann würde ich sogar sagen, dass genau dieses Streben nach Perfektion uns Eltern davon abhält, die Eltern zu sein, die wir sind.
Anstatt aus einer inneren Anbindung heraus unsere Liebe für unsere Kinder fließen zu lassen, streben wir nach dem Bild der perfekten Mutter, dem perfekten Vater und verlieren uns in Selbstzweifeln - weil wir im Vergleich zu diesem überhöhten Bild höchster Vollendung schlecht abschneiden.
Druck perfekte Mutter oder Vater zu sein, hilft mir doch, besser zu sein, oder?
In einer gewissen Weise ja, weil du dich antreibst, dein bestes zu geben und somit auch schaust, was dir helfen könnte, um es besser zu machen.
ABER: Wie weiter oben schon erwähnt, hindert es dich genauso daran, mit dir und deiner Liebesfähigkeit verbunden zu bleiben. Und ohne deine Anbindung an dein Herz landest du im Verstand - und in meinem Falle im inneren Kritiker.
Er zeigt mir auf, was ich alles falsch gemacht habe und wie es hätte sein sollen, dann holt er mir in Erinnerung all die anderen Male, wo ich meinem Bild der perfekten Mutter nicht entsprochen habe und holt mir zum Abschluss noch beobachtete Szenen aus meinem Alltag oder aus Medien hervor, wie ich hätte sein können.
Ach ja, er schickt mir zusätzlich auch noch Gedanken wie:
Naja, du kannst dir sicherlich vorstellen, dass danach mein Bild von mir alles andere als perfekt war und ich mich ziemlich schlecht gefühlt hatte.
Und was passiert, wenn man sich schlecht fühlt?
Genau! Man verspürt einen Druck.
Vielleicht kennst du auch die Redewendung: Druck erzeugt Gegendruck?
Und so ist es auch bei mir: Wenn ich mir selbst Druck mache, dann erzeuge ich sehr oft auch Druck im Leben anderer, z.B. meiner Kinder, die wiederum nicht gerade positiv auf meinen Druck reagieren - und schon sind wir in einem Kreislauf gefangen.
Woran merke ich, dass ich als Mutter oder Vater perfektionistisch bin?
In deinem Inneren zeigt sich Perfektionismus häufig in Form von Anspannung, innerem Druck und Selbstkritik
Das wirkt sich dann alles direkt auf deine Gefühle (Schuld, Scham, Angst, Überforderung), auf deine innere Haltung („Ich bin nie gut genug“) und auf dein Selbstbild als Mutter oder Vater aus.
Woher kommt mein Perfektionismus als Elternteil?
Perfektionismus ist oft ein Schutzversuch: Wenn ich alles richtig mache, passiert nichts Schlimmes – wie Wikipedia beschreibt: Die Motivation ist [...] die Hoffnung auf Unangreifbarkeit und Sicherheit vor Ablehnung.“ (3)
Welche Rolle spielt meine eigene Kindheit?
Jeder Mensch macht früh Erfahrungen mit Strenge, Kritik oder Leistungsdruck. Daraus können Glaubenssätze entstehen wie: ‚Ich werde nur geliebt, wenn ich gut genug bin, leiste, perfekt bin.‘
Diese Überzeugungen werden verinnerlicht und treiben uns als Erwachsene dazu an, uns ständig zu beweisen – besonders im Elternsein, wo wir uns fragen: Bin ich eine gute Mutter ein guter Vater?
Wie beeinflusst Social Media meinen Anspruch an mich selbst?
Social Media verstärkt deinen Perfektionismus, indem es dir täglich perfekt kuratierte Familienbilder zeigt – glückliche Kinder, geduldige Eltern, aufgeräumte Häuser – und du unbewusst glaubst, dass das die Realität anderer Familien ist, nicht nur die schönsten 2% ihres Lebens.
Was hat gesellschaftlicher Druck damit zu tun?
Hohe gesellschaftliche Erwartungen an moderne Elternschaft – wie perfekte Bindung, emotionale Kompetenz und Selbstoptimierung der Kinder – führen dazu, dass Eltern sich unter enormen Druck setzen, alles ‚richtig‘ zu machen, was Perfektionismus begünstigt. (4)
Welche Folgen hat Perfektionismus für mich und mein Kind?
Folgen für Eltern:
- Chronische Erschöpfung & Burnout-Gefahr
Perfektionismus erhöht das Risiko für Eltern-Burnout, da Eltern sich ständig „perfekt“ beweisen wollen und sich antreiben, mehr zu geben. - Schuldgefühle & geringer Selbstwert
Im Vergleich zu den perfekten Elternbildern fühlen sich Eltern ständig nicht gut genug, entwickeln starke Schuldgefühle und eine negative Selbstbewertung.
Folgen für Kinder:
- Hoher Leistungsdruck & Angst vor Fehlern
Kinder können den elterlichen Perfektionismus übernehmen und Versagensängste und Perfektionismus selbst entwickeln. - Gestörtes Selbstwertgefühl
Kinder koppeln ihren Wert an ihre Leistung, was zu Selbstkritik, Depressionstendenzen und schwacher Frustrationstoleranz führt.
Wie kann ich meinen Perfektionismus als Elternteil Schritt für Schritt loslassen?
Jeder Weg seinen Perfektionismus loszulassen ist individuell, weil auch jeder Mensch verschiedene Ursachen hat, warum er zum Perfektionismus neigt.
Daher erzähle ich dir nicht, wie du deinen Weg gehen musst, um deinen Perfektionismus loszulassen, sondern ich erzähle dir, wie ich meinen Perfektionismus losgelassen habe.
Das mag nicht genau dein Weg sein, jedoch könnten Teile davon oder der Weg selbst ein Impuls oder eine Inspiration für dich sein, deine eigenen Schritte zu gehen, um deinen Perfektionismus loszulassen.
1. Schritt: Perfektionismus im Haushalt loslassen und mehr Pausen gönnen
Mein Perfektionismus zeigte sich als Mutter natürlich auch darin, dass ich alles perfekt machen wollte: Kinder, Haushalt, Teilzeit-Selbstständigkeit. Das führte dazu, dass ich mich wie in einem Hamsterrad fühlte und eigentlich nur am funktionieren war und abends zu erschöpft war, um meine Kinder mit Ruhe und Gelassenheit ins Bett zu begleiten.
Als mir das klar wurde, wusste ich: Es muss sich etwas ändern. Irgendwo musste ich Zurückschrauben - und das sollten nicht die Kinder sein. Außerdem wusste ich, dass ich nicht genug Energie hatte, um diesen "Overload" über die nächsten Jahre durchzuziehen.
Also fing ich im ersten Schritt an, mir die paar wenigen Pausenzeiten, die ich damals mit 2 Kleinkindern hatte, nicht auch noch mit liegengebliebenen Haushaltstätigkeiten vollzustopfen. Ich musste echt lernen, es auszuhalten, dass noch Geschirr in der Küche stand und ich anstatt das aufzuräumen eine kurze Pause machen durfte.
Zu Beginn fühlte sich das auch nicht wirklich nach Pause an, weil mein innerer Kritiker mich antrieb weiter zu funktionieren, zu machen und zu tun. Jedoch war mir klar, dass es mit Machen und Tun auf die Dauer auch nicht mehr tragbar war. Also habe ich die unangenehmen Gefühle da sein lassen und mich trotzdem zu einer Pause hingesetzt.
Und aus dieser Situation heraus ist Kreativität aufgestiegen: Natürlich machte sich die immer noch nicht gemachte Hausarbeit nicht von alleine. Deshalb gab es ein neues Lernfeld: Wie mache ich den Haushalt mit meinen Kindern, ohne sie dabei zu vernachlässigen?
Daraus entstanden dann spielerische Ideen, wie ich Hausarbeit mit Kind zur Qualitätszeit machen kann und wie Aufräumen mit Kind und Routinen mit Kind schnell und spielerisch vonstatten gehen, sodass ich das nicht am Abend auch noch aufräumen musste.
Impulse für deine Umsetzung:
2. Schritt: Meine Leistung jetzt schon anerkennen, nicht erst wenn ich "perfekt bin"
Mein innerer Kritiker war immer sehr stark und hat mich angetrieben, noch mehr zu tun noch besser zu werden.
Du kannst dir sicher vorstellen, dass das auf Dauer erschöpfend war.
Deshalb war mein 2. Schritt, dass ich meinen inneren Kritiker nicht mehr die Hauptstimme in meinem Kopf gab, sondern ich bewusst danach Ausschau hielt, wo und wann ich jetzt schon "perfekt bin" ohne im offiziellen Sinne perfekt zu sein.
Damit meine ich: Wo gebe ich jetzt schon mein Bestes - auch wenn ich drumherum vielleicht noch nicht ideal gehandelt oder gesprochen habe?
Das fragte ich mich, um all diese kleinen Dinge, die ich tagtäglich tat und als selbstverständlich angesehen hatte - bis jetzt - auch wirklich wahrzunehmen und mich dafür zu schätzen.
Impulse für deine Umsetzung:
3. Schritt: Die Erkenntnis "gut genug" ist wirklich gut genug.
Auf meinem Weg den Perfektionismus loszulassen, hatte ich irgendwann die Erkenntnis, dass es doch reicht "gut genug" zu sein.
Was bringt es mir noch so viel mehr zu investieren, um "perfekt zu sein"? Außer dass es mich erschöpft und belastet!
Du hast vielleicht schon vom Pareto-Prinzip gehört:
Das Pareto-Prinzip – auch 80/20-Regel genannt – besagt, dass in vielen Bereichen ungefähr 80 Prozent der Ergebnisse aus etwa 20 Prozent der Ursachen oder des Einsatzes entstehen. (5)
Übertragen auf den Alltag heißt das: Ein kleiner Teil deiner Aktivitäten sorgt oft für den größten Teil der Wirkung. Das Prinzip hilft dabei, den Fokus auf das Wesentliche zu richten, statt alle Aufgaben gleich wichtig und „perfekt“ machen zu wollen.
Andersherum betrachtet, bedeutet das:
Die letzten 20% für Perfektion erfordern 80% zusätzlichen Aufwand.
Mit 20% Einsatz erreichst du 80% des Ergebnisses – schnell und effizient. Die verbleibenden 20% (die „Perfektion“) brauchen aber 80% des gesamten Aufwandes.
Das bedeutet: Perfektionisten opfern also enorme Energie für minimale Verbesserung!
Als mir das bewusst wurde, war das ein großes "Aha-Erlebnis". Ab diesem Moment konnte ich mich entscheiden:
Bin ich bereit 80% mehr Aufwand zu betreiben, um alle meine Tätigkeiten perfekt zu machen oder reichen mir 80%ige Ergebnisse (also "gut genug" sein) auch aus?
In den allermeisten Fällen reichten mir die 80% vollkommen aus!
Auch in der Kindererziehung gibt es einen Begriff dafür: Good enough parenting.
Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern echte, authentische Eltern und dazu gehört es auch, nicht alles richtig und perfekt zu machen.
Im Gegensatz, wenn du alles richtig und perfekt machen würdest, ständig und jeden Tag, aber dein Kind nicht, dann würde sich dein Kind wahrscheinlich unter Druck gesetzt fühlen, genauso perfekt wie du zu sein.
Good Enough Parenting“ (gut genug Eltern sein) ist ein Konzept des britischen Kinderpsychoanalytikers Donald Winnicott (1950er-Jahre): Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern liebevolle, verlässliche Bezugspersonen, die Fehler machen dürfen. Eine „gut genug Mutter/Vater“ geht ausreichend auf Bedürfnisse ein, lässt aber auch Frustration zu – das fördert Autonomie und Resilienz, statt Abhängigkeit oder Überforderung. (6)
Impulse für deine Umsetzung:
4. Schritt: Schritt 4 – Meine Erwartungen an mich loslassen, mich nicht mit anderen vergleichen und Fehler als Lernchancen sehen
Mein letzter Schritt, um meinen Perfektionismus loszulassen, war: Erst einmal meine Erwartungen an mich loszulassen, eine perfekte Mutte zu sein und anstatt dessen meine Fehler als Chancen zu sehen, über mich hinaus zu wachsen.
Ich bin heute zutiefst davon überzeugt, dass alle Herausforderungen in meinem Leben - in denen ich natürlich nicht perfekt gehandelt oder reagiert habe - mir dabei geholfen haben, zu wachsen und die "gut genug" Mutter zu sein, die ich heute bin.
Ich habe mich und meine Haltung, meine Verhaltensweisen immer wieder reflektiert und wenn mir etwas nicht gefallen hat, dann habe ich nach Lösungen gesucht, die mich wiederum wachsen ließen.
Und zum Schluss war es noch wichtig für mich, mich nicht mit anderen zu vergleichen. Denn das hat mich wieder an mir zweifeln lassen. Diese Zweifel wiederum bestärkten mein Gefühl "nicht gut genug" zu sein, was wiederum meinen inneren Kritiker auf den Plan rief und der mich ins Machen, Tun trieb.
Solange ich mich nicht mit anderen vergleiche - sondern im Gegenteil - genau hinschaue, was ich alles "gut" mache, zweifle ich nur noch selten an mir, was mir natürlich enorm hilft, nicht wieder in die Perfektionismus-Falle zu treten.
Impulse für deine Umsetzung:
Wie kann ich meinem Kind helfen, entspannter mit eigenen Fehlern umzugehen und nicht in die Perfektionismus-Falle zu tappen?
Kinder bringen von Natur aus keine Angst vor Fehlern mit. Diese Sorge – oder Abwehr – lernen sie erst irgendwann von uns Erwachsenen.
Kleinkinder nehmen einen Fehler meist einfach so wahr: „Das hat gerade noch nicht geklappt.“
Vielleicht ärgern sie sich kurz darüber – und dann versuchen sie es einfach noch einmal oder mit einem anderen Weg.
Fehler zeigen ihnen: „Hier fehlt mir noch etwas Übung, bis es von allein funktioniert.“ Am besten lässt sich das am Beispiel des Laufen lernens veranschaulichen:
Das Kleinkind steht auch nach wiederholtem Hinfallen immer wieder auf und verbessert in der Übung seine Balance, um Aufrecht gehen zu können.
Sie wissen einfach, ohne dass sie das in Worte packen könnten, dass Fehler zum Lernen dazugehören.
Wie du diese ursprüngliche, fehlerfreundliche Haltung deines Kindes so lange wie möglich bewahren kannst:
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Quellenangaben:
(1) Dudenredaktion: Perfektionismus. In: Duden – Deutsches Universalwörterbuch (online). Aufgerufen am 29.01.2026, unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/Perfektionismus
(2) Dudenredaktion: Perfektion. In: Duden – Deutsches Universalwörterbuch (online). Aufgerufen am 29.01.2026, unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/Perfektion
(3) Perfektionismus (Psychologie)“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Stand: 29. Januar 2026, 12:01 CET. Aufgerufen am 29. Januar 2026, unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Perfektionismus_(Psychologie)
(4) Körber-Stiftung: „Eltern im Fokus 2025“. Aufgerufen am 29. Januar 2026, unter: https://koerber-stiftung.de/projekte/elternumfrage/eltern-im-fokus-2025/
(5) „Paretoprinzip.“ In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Stand: 29. Januar 2026. Aufgerufen am 30. Januar 2026, unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Paretoprinzip
(6) „Donald Winnicott.“ In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Stand: 30. Januar 2026. Aufgerufen am 30. Januar 2026, unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Winnicott
